Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Röschen vom Hofe.

ſagte ſie,„und man darf ſeine Tugenden und Talente nicht gleich das erſte Mal vollſtändig zeigen und ausgeben. Freilich, wenn Sie die italieniſche Reiſe, von der Sie bei Tiſch ſprachen, wirklich noch in dieſen Tagen antreten wollen—“

Sie legte die Hand auf den Flügel und blickte den Grafen mit einem ſo ſchelmiſch⸗herausfordernd⸗ungläubigen Lächeln an, daß dieſer ſich beeilte, zu verſichern, wie die Reiſe nach Rom durchaus nicht preſſire, und wie jetzt, nachdem er ſo freundliche, liebenswürdige Nachbarn gefunden, der Gedanke, längere Zeit, vielleicht lange Zeit in ſeiner Heimath zu bleiben, durchaus nichts Schreckliches mehr für ihn habe.

Roſe machte einen tiefen Knix und ſagte mit niedergeſchlagenen Augen:„Der Herr Graf iſt ſehr gütig.“

So, und nachdem er noch einmal für einen Moment ihre Hand in der ſeinen gehalten, und die Einladung des Vaters, recht bald auf Weißenbach wieder vorzuſprechen, mit dankbarer Verbeugung ange⸗ nommen hatte, ſchieden ſie von einander. Der Graf beſtieg ſein Pferd und ritt in die warme, mondenhelle Nacht hinein, die Bruſt voll von einer Seligkeit, die ihn ſtumm machte; Roſe ſetzte ſich, nachdem der Vater, ver regelmäßig um zehn Uhr zu Bett ging, ſie verlaſſen, an den Flügel und ſpielte, wie ſie es immer that, wenn irgend Etwas ihre Seele mehr als gewöhnlich aufgeregt hatte, ihre liebſten Stücke. Der Wächter vom Dorf, der ſich, wie die meiſten ſeiner Landsleute, eines guten muſikaliſchen Ohres erfreute und ſtundenlang auf einem der Steinpfeiler vor dem Hofthore ſitzend, dem Spiele Roſes lauſchen konnte, meinte: das Fräulein habe noch nie ſo ſchön geſpielt, wie heute Nacht.