Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 41

„Wir ſind alte Bekannte, der Herr Graf und ich.“

Bei dieſen Worten reichte ſie ihm ihre Hand hin.

Des Grafen Hand zitterte ein wenig; der Moment, dem er zuletzt faſt ſchmerzlich entgegen geharrt hatte, war ihm nun doch zu ſchnell gekommen, und war ſchöner und lieblicher gekommen, als er es je gehofft. Jetzt erſt ſah er, wie ſehr ihn ſein Gedächtniß betrogen, was es ihm Alles unterſchlagen hatte. Dieſe Fülle lieblichſter Einzelnheiten in Stimme, Sprache, Haltung und Geberden— wie ſtumpf und reizlos war im Vergleich dazu das Bild ſeiner Phantaſie geweſen! Und wie hatte er nach der erſten und einzigen Begegnung einen ſo freundlichen Empfang erwarteh können! erwarten können, daß ſie ihm die Hand reichen, ihn einen alten Bekannten nennen werde! Der Graf war ſehr glücklich.

Roſe war es faſt nicht minder. Sie freute ſich, daß der Graf gekommen, ihres Vaters wegen, dem es ſehr ſchmerzlich geweſen war, von dem Sohne ſeines Jugendfreundes ſo vernachläſſigt zu werden; ſie freute ſich ſeines Kommens, weil die Stimme, die ihr zugeflüſtert: Du haſt ihn nicht zum letzten Male geſehen, nun doch Recht gehabt; ſie freute ſich, daß er hier war, weil ſie nur eben erſt ſo lebhaft an ihn gedacht hatte.

Herr von Weißenbach wiederholte ſeine Einladung, dazubleiben und das Abendbrot mit ihnen zu eſſen. Roſe blickte unter ihren langen Wimpern hervor in das Geſicht des Grafen, auf welchem ſich die Verlegenheit, nun doch eingeſtehen zu müſſen, daß er nicht nur (was er vorhin geleugnet hatte) bleiben könne, ſondern auch nichts weniger als ungern bleibe, ſo deutlich ausprägte, daß die junge Dame ſich des Lachens kaum erwehren konnte.

„Bleiben Sie nur, Herr Graf,“ rief ſie,„Sie ſehen wirklich etwas angegriffen aus, und Ihren Pferden wird eine Stunde Ruhe auch nicht unwillkommen ſein.“

Der Graf verbeugte ſich; der alte Herr ſchlug ſich vor die Stirn.

„Es iſt unglaublich!“ murmelte er,„daß ich es vergeſſen konnte; der Wenzel denkt aber auch an nichts.“

Er riß heftig an der Klingel.

„Laß es gut ſein, Väterchen,“ ſagte Roſe,„ich will's ihm ſagen;