Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 35

die junge Dame beſſer, ſie wäre nie in dieſe höchſten Regionen ge⸗ kommen, denn, ſagen der Herr Graf ſelbſt, ein armes, blutarmes Fräu⸗ lein, und wäre es, wie Fräulein von Weißenbach, vom älteſten und reinſten Adel, welche Ausſichten hat es in unſerer materiellen Zeit, wo das Geld durchaus keine Chimäre, ſondern eine ſehr reſpectable Realität iſt! Ein armes adliges Fräulein, Herr Graf, iſt in meinen Augen ein wirklich tief bemitleidenswerthes Weſen; ein, ich möchte ſagen, beſonders würdiger Gegenſtand der chriſtlichen Nächſtenliebe.“

Hier erinnerte ſich der Graf ſo plötzlich einiger wichtigen Geſchäfte, die er noch an dieſem Vormittage zu erledigen habe, daß der Paſtor in dem Beſuche, welchen er am Abend deſſelben Tages in Weißenbach auf dem Hofe abſtattete, zu der Bemerkung, daß der Graf ein etwas ercentriſcher Herr ſei, einigermaßen berechtigt war.

Zu dieſem Urtheil würde der Pfarrer noch einen Grund mehr gehabt haben, wenn er geſehen hätte, wie der Graf, nachdem ſein Beſuch kaum den Salon verlaſſen, in augenſcheinlicher Aufregung in dem großen Gemache hin⸗ und her⸗, und endlich auf die Terraſſe hinaus⸗ ſchritt, dann und wann mit Armen und Händen geſticulirend und abgeriſſene Worte zwiſchen den Zähnen murmelnd. Die Sache war, daß der Graf den geiſtlichen Herrn, der ihm ganz ausnehmend miß⸗ fallen, von der Dame, deren Bild er ſo tief im Herzen trug, nicht ohne eine Empfindung äußerſter Ungeduld und ihm ſelbſt kaum er⸗ klärlichen Widerwillens hatte ſprechen hören können. Aus der himm⸗ liſchen Erſcheinung im Morgenſonnenſchein am Waldesrand war ein adliges Hoffräulein geworden mit hochariſtokratiſchen Allüren und den Kopf voll feudaler Velleitäten und höfiſcher Nichtswürdigkeiten. Dazu ein Vater mit bornirten Standesvorurtheilen und der Weltanſchauung eines Reichsfreiherrn aus der Zeit der Bauernkriege. Beide natürlich“ kirchenfromm und ſich wohl fühlend in der Geſellſchaft eines heuch⸗ leriſchen, glattzüngigen Sykophanten, deſſen Metier es iſt, ſie in ihren Schrullen zu beſtärken.

Seit dieſem Morgen war es nun, daß bei dem Grafen jener Zu⸗ ſtand der Zerſtreutheit und Gleichgültigkeit, den Boncveur ſo tief be⸗ klagt hatte, in einen andern Zuſtand umſchlug, den dieſer bald noch

aufrichtiger zu beklagen, Veranlaſſung fand. Des Langohrigen Un⸗

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