Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

Röschen vom Hofe.

34

einzigen unglücklichen Speculation— das aus dem Verkauf der Güter und den Zinsablöſungen von Weißenbach gewonnene Vermögen, und iſt in dieſem Augenblicke— Gott ſei's geklagt!— ärmer, als einer der zwanzig Bauern im Dorfe, die ihre Häuſer weiß anſtreichen laſſen, ihre Söhne auf das Gymnaſium, ihre Töchter in Penſion ſchicken und in ihrem Wohnzimmer ein Clavier für zweihundert Thaler ſtehen haben.“

Der Graf war während dieſer langen Auseinanderſetzung an's Fenſter des Salons getreten, als ob er die Lage des Parks von Weißen⸗ bach nach den Angaben des Pfarrers genau ermitteln wollte, eigentlich aber, um die Röthe zu verbergen, die, als jener des Parks Erwähnung that, in ſeine Wangen geſchoſſen war.—

„Und hat der Herr von Weißenbach Familie?“ fragte der Graf, immer noch mit dem Rücken nach dem Pfarrer gekehrt.

„Eine einzige Tochter, Herr Graf.“

Der Graf fühlte, daß ihm das Herz ſchneller ſchlug, als er, ſo ruhig wie möglich, weiter fragte:

„Natürlich bereits verheirathet?“

„Noch nicht, Herr Graf.“

Das„Noch nicht, Herr Graf“ des Pfarrers hatte einen ſo eigen⸗ thümlichen, langgezogenen Klang, daß der Graf ſich plötzlich umwandte mit einer Lebhaftigkeit, die dem Andern, der in dieſem Augenblicke mit ſeinen Gedanken und dem letzten Glaſe Chäteau d'Vquem zu eifrig be⸗ ſchäftigt war, entging.

„Sie kennen die junge Dame, ich meine die Familie, perſönlich?“

„Ich habe die Ehre, öfters auf dem Hofe vorzuſprechen, und wie ich anzunehmen wage, kein geradezu ungern geſehener Gaſt zu ſein,“ erwiderte der Pfarrer.

„Und— und wie ſieht— ich meine: iſt die junge Dame—“

„Nicht eben ſchön,“ ſagte der Pfarrer nachdenklich,„nach meinem Geſchmack etwas zu groß; aber von vollendeter Haltung, nur zuweilen, nach meiner demüthigen Anſicht, die Hofdame zu ſehr durchblicken laſſend. Der Herr Graf wiſſen nicht— aber wie ſollten Sie auch wiſſen! daß Fräulein von Weißenbach ein Jahr lang Hoffräulein bei Ihro König⸗ lichen Hoheit der Frau Herzogin geweſen iſt. Vielleicht wäre es für