Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Röschen vom Hofe. 31

In dieſe melancholiſchen Betrachtungen war der Graf verſunken geweſen, als er vor nun vier Tagen an dem Rande des Parkes von Weißenbach auf den Haſen vorbeiſchoß und ſich hernach von dem langohrigen Boncveur über die Grenze ſeines Jagdgebietes in den Park von Weißenbach locken ließ. Da war ihm die hohe, ſchlanke Geſtalt Roſe's ſo unerwartet, ſo plötzlich, wie eine himmliſche Er⸗ ſcheinung faſt, entgegentreten, und hatte einen Eindruck auf ihn ge⸗ macht, wie— darüber war er ſich vom erſten Augenblick klar— noch nie ein Weib, oder ſonſt irgend etwas im Leben auf ihn gemacht hatte. Ob ſein Gemüth gerade in dem Moment mehr als ſonſt be⸗ reit war, einen Eindruck voll und ganz in ſich aufzunehmen; ob dieſes Weib mehr als alle, die er bis jetzt geſehen, dem Ideal, das er, ſich ſelbſt bewußt, in ſeinem Herzen trug, entſprach— er konnte ſich darüber keine Rechenſchaft geben, er dachte auch kaum darüber nach, er fühlte nur, daß in ſein Leben ein Etwas eingetreten ſei, das nicht wieder verloren gehen könne, das, ſo oder ſo, in alle Zukunft wirken und ſchaffen müſſe. Und doch hatte ſie kaum ein paar Worte geſprochen, und, was ſie geſprochen, war an ſich ſo unbedeutend geweſen— aber die Weiſe, wie ſie es geſagt, der Ton, in dem ſie es geſagt, die Hal⸗ tung, die ſie dabei beobachtet, die ſtolze, kaum merkliche Neigung des ſchönen Hauptes— der Graf wurde nicht müde, ſich das Alles wieder und immer wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Er ſagte ſich, daß er ſchon ſchönere Frauen geſehen habe, wenn Regelmäßigkeit und kühner Schwung der Züge, Schmelz der Farben, Glanz der Augen die einzigen Requiſiten der Schönheit ſind; der Graf erinnerte ſich nicht, daß das Antlitz des Mädchens auch nur einen dieſer Vorzüge in auffallender Weiſe gezeigt hätte; aber ſtatt deſſen war es von einer ganz wunderbaren Harmonie wie durchleuchtet geweſen, einer Harmonie, die mit dem hohen Ebenmaß der ſchönen Glieder und dem köſtlichen Rythmus der anmuthig ſichern Bewegungen auf das reizendſte zu⸗ ſammengeſtimmt hatte. Der Graf ſah das Bild des Mädchens, wo er ging und ſtand; er ſah es immer vor ſich herſchweben; er ſah es, bevor er einſchlief; er ſah es in ſeinen Träumen; er ſah es, ſobald er des Morgens die Augen öffnete.

Trotz alledem that er— wenigſtens in den erſten Tagen— nichts,