Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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30 Röschen vom Hofe.

ſamkeit und ein Zankapfel der politiſchen Parteien zu ſein. Warum nehme ich Anſtand, dem liberalen Comité zu antworten, daß ich ſein Programm unterſchreibe und verſuchen will, nach Kräften für die ge⸗ meine Sache zu wirken? Iſt es nicht die höchſte Zeit, von den Worten einmal zu Thaten, und von meinen Büchern unter die Menſchen zu kommen? Ach, wenn ich die Menſchen höher achtete und beſſer liebte! — aber kann ich dafür, daß ich es nicht vermag? Ich habe— das Zeugniß darf ich mir wohl geben— es ſtets ehrlich gemeint mit den Menſchen; ich bin ausgezogen, für mein Volk zu kämpfen, zu ſterben, wenn es ſein mußte; ich ſah, daß in unſern Reihen der Verrath hauſte, und daß das Volk, rathlos oder feig, nicht wußte, was es wollte, oder nicht wollte, wovon es wußte, daß es geſchehen müſſe. Was blieb mir übrig, als zum Pflaſterſtein zu greifen? oder auszuwandern? Vielleicht wäre es ehrlicher und conſequenter geweſen, hätte ich das

Erſtere gethan; aber Ehrlichkeit und Conſequenz ſind, wie ich nach⸗

träglich gefunden habe, ſo ſeltene Tugenden, daß ich mir wohl ver⸗ zeihen kann, wenn ich ſie damals nicht beſaß, vielleicht noch heute nicht in hinreichendem Maße beſitze. Nun, und die Einzelnen? es giebt gute und treffliche Menſchen; ich ſelbſt bin vielen auf meinem Lebenswege begegnet— da iſt mein edler Baſch⸗Aga⸗El⸗Mokrani in Algerien, der mich einſt wochenlang in ſeinem Zelte gepflegt und be⸗ ſchützt hat, als ich im Fieber raſ'te; da iſt der ehrliche Fiakerkutſcher in Wien, der mir das Goldſtück, das ich ihm am Abend in einer Anwandlung billiger Großmuth gegeben, am andern Morgen in mein Hötel brachte; da iſt der junge Attaché der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Conſtantinopel— wie hieß er doch nur gleich?— ein bildhübſcher Menſch, aber ich fürchte: den Weibern, dem Wein und den Würfeln mehr, als ihm dienlich war, ergeben— er liebte mich, glaube ich, wirklich, und hätte ſeine Maitreſſe und ſein Leben für mich geopfert, wenn ich es verlangt hätte— da iſt— ja, wer denn noch gleich? es ſind am Ende doch nicht eben viele. Ach! der alte Jeſuitenzögling, der die Vorſehung um einen Menſchen bat— der kannte die Men⸗ ſchen! Ich wollte, ich liebte die Menſchen, nur einen einzigen, ſo recht von Herzensgrunde— ich glaube, ich hätte damit den Schlüſſel zu dem Geheimniß des Lebens gefunden.“