Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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32 Röschen vom Hofe.

etwas Näheres über die Dame zu erfahren. Er hatte ſo lange in einer idealen Welt gelebt, und war es auf ſeinen weiten Reiſen ſo gewohnt geworden, ein ſchönes Weib im Vorüberziehen ſchör zu finden, wie ein Gemälde in einer Gallerie, oder eine Landſchaft, oder einen ſonnigen Morgen, daß ihm kaum die Fragen kamen: wer iſt ſie? wie heißt ſie? Diesmal freilich trug auch die Furcht, etwas zu hören, was zu hören ihm unlieb geweſen wäre, noch dazu bei, ihn mehr als gewöhnlich unthätig zu machen. Endlich am dritten Tag bot ſich ganz von ſelbſt die Gelegenheit, welcher der Graf bis dahin förmlich aus dem Wege gegangen war.

Der Pfarrer von Lengsfeld war von einer Synode, in welcher er zwei Wochen lang geſeſſen, und darüber— zu ſeinem wahren Schmerz— verſäumt hatte, die Rückkehr ſeines Herrn Patrons durch Geſang der Schuljugend und Gottesdienſt würdig zu feiern, zurück⸗ gekommen, und beeilte ſich natürlich, das Verſäumte wieder gut und dem Herrn Grafen ſeine Aufwartung zu machen. Der Pfarrer von Lengsfeld war ein ſtreitbares Werkzeug der Kirche, eifrig, orthodox, ſervil, wie es ſich für ſeine Talente und ſeinen Ehrgeiz ziemte; dabei dem Wohlleben geneigt, wie es ſeine Jugend— er war kaum dreißig Jahre alt— zu erfordern und ſeine Beleibtheit zu beweiſen ſchien. An den Schläfen war ſeine runde glänzende Stirn ſchon ziemlich kahl, ſeine kleinen Augen verſteckten ſich hinter zwei ovalen Brillengläſern, deren ſilberne Faſſung zu den feinſten gehörte. Der Pfarrer trug an dein Morgen ſeines Beſuches denſelben ſchwarzen Frack und dieſelbe weiße Binde, welche während der Synode ſo oft von der Roſtra ge⸗ glänzt, und vielleicht lag in ſeiner Anrede an den Grafen noch etwas von der Salbung, durch welche ſich ſeine Vorträge ſelbſt in jener ſal⸗ bungsvollen Geſellſchaft ſo vortheilhaft ausgezeichnet hatten.

Der Graf empfing ſeinen Pfarrer mit jenem Gemiſch von Ernſt und Freundlichkeit, Zurückhaltung und Entgegenkommen, das ſeinem Benehmen, beſonders fremden Perſonen gegenüber, eigenthümlich war. Er ließ, da er Manches mit dem geiſtlichen Herrn zu beſprechen hatte und es gerade Frühſtückszeit war, etwas kalte Küche und eine Flaſche Wein ſerviren. Der Wein war gut, und der Pfarrer, der ein Kenner war, wurde, nachdem die Angelegenheiten der Kirche und Schule er⸗