26 Röschen vom Hofe.
der alle die großen Fragen der Zeit, von denen der Vater nichts wiſſen wollte, oder die er mit einer einſeitigen, halsſtarrigen Heftig⸗ keit nach ſeinen vorgefaßten Meinungen und ercluſiven Standesdogmen entſchied, in ſeinem innerſten Herzen trüge und mit weitem, klarem Verſtande beurtheilte. Wo war dieſer Mann? Dieſer edle, kluge und ſtarke Mann?
Die zirpenden Schwalben glitten durch die Luft und manches Bild vergangener Tage zog durch die Seele des jungen Mädchens.
Viele Männer hatten ſich in jenen Tagen ihr genähert; Manche hatte ſie vergeſſen, Einiger erinnerte ſie ſich nur noch eben ſo; Wenige, die ihr gefallen hatten; Keiner, der ihr ein wirklich lebhaftes Intereſſe einzuflößen vermocht hätte.
Hinüber und herüber zagen die Schwalben und die Gedanken.
Und wenn es nun einen ſolchen Mann gar nicht gäbe? Wenn dein guter alter Vater, trotz ſeiner Einſeitigkeit und ſeiner Launen, noch immer beſſer und edler wäre, als ſie Alle? Wie gut ſteht ihm doch Alles, ſelbſt ſein Stolz! Wie hübſch klang das, als er heute Morgen ſagte: Wenn er nicht kommt, den Mann aufzuſuchen, der ihn über die Taufe gehalten, und von dem er wiſſen muß, daß er
ſeines Vaters vertrauteſter Freund geweſen iſt,— um ſo ſchlimmer für ihn; ich verliere nichts dadurch!— Er hätte kommen müſſen, und
wäre es auch nur des Vaters wegen geweſen. Des Vaters wegen? Um weſſenwillen denn ſonſt? Geſtehe Dir's nur! Du warſt eitel genug zu glauben, daß Du ſelbſt einigen Eindruck auf ihn gemacht hatteſt; und ſäheſt es ſelbſt jetzt noch gar nicht ungern, wenn das der Fall geweſen wäre! Warum auch nicht! Haſt Du Dich doch, als Du ſie in Fülle haben konnteſt, durch die Huldigungen von Männern geſchmeichelt gefühlt, die bei weitem nicht ſo ſchön und ſtattlich waren, als vieſer Mann. Ein Sonderling, ſagte der Paſtor, wäre der Graf? Sind denn alle Männer, alle, die mehr ſind, als der große Haufen, Sonderlinge? Aber woher weiß ich denn, daß der Graf mehr iſt, als die Andern?
Die Schwalben wurden ungeduldig, daß ſie ſo viel ſchwie⸗ rige Fragen beantworten ſollten; zu einer pfeilſchnellen, ſchrillen⸗


