Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 25

ſchoſſen noch zirpend die Dorfſtraße hinauf und hinab und um die Giebel der niedrigen Häuſer. Ein von zwei Kühen gezogener Ernte⸗ wagen kam ihr entgegen; auf dem freien Platz bei der Schule ſtanden alte Frauen und ſchwatzten, während die Kleinen um ſie her auf dem Boden krochen und die größeren Jungen und Mädchen Haſchens und Verſteckens ſpielten. Roſe ſah und hörte das Alles, aber das Lachen und Schreien der Kinder klang, als kämen die Töne weit her, und hätten unterwegs all' ihre Rauhigkeit verloren, und Menſchen und Dinge Alles ging und ſtand wie in einem Zauberſpiegel. Roſe

hatte öfters dieſe Momente, in denen der Geiſt wie losgelöſt vom

Körper ſcheint, und niemals häufiger als in der ſtillen Stunde kurz vor und kurz nach Sonnenuntergang. Sie konnte dieſen Zuſtand nicht willkürlich hervorrufen; ja derſelbe würde ſofort aufgehört haben, ſobald ſie darüber zu reflectiren begonnen hätte. Sie wußte dies recht wohl; denn in dieſem Träumen mit offenen Augen, dieſemTag⸗ wandeln, wie ſie es nannte, lag eine eigenthümliche myſtiſch⸗offen⸗

barende Kraft, die das junge Mädchen als etwas aus dem tiefen,

unerforſchlichen Grunde der Natur Hervorgegangenes achtete und ſtill walten ließ. So ſah ſie denn auch jetzt das Verhältniß zu ihrem Vater in dem Lichte vollkommener Wahrheit. Sie fühlte, wie rein und tief ihre Liebe zu dem Edelherzigen, Weichmüthigen, Heftigen, Leidenſchaftlichen war; wie dieſe Liebe ſelbſt dadurch nicht abgeſchwächt wurde, daß ſie ſich, gleichſam mit einem Schlage der Schwingen ihrer Seele, in Regiſonen erheben konnte, in die ihr zu folgen der Vater nie vermochte, daß ſie in vielen Dingen und vielen Punkten nicht blos die Klügere, ſondern auch die Stärkere war, die Halt gewährte, anſtatt einer Stütze zu bedürfen. Aber eben ſo deutlich fühlte ſie, daß dieſe Liebe ihr Herz nicht ausfüllte, oder beſſer, daß Welten in ihrem Herzen lagen, dunkle Welten, in denen die Liebe ihrWerde noch zu ſprechen hatte. Und Roſe wußte in dieſer ſtillen Abend⸗ ſtunde, in welcher ſie, wie mit Geiſteraugen, in das Herz der Dinge und ihr eigenes Herz ſchaute daß dieſe ſchöpfungsfrendige, werde⸗ frohe Liebe die Liebe zu einem Mann ſein müßte, der ſtärker und klüger und edler wäre, als ſie; von dem ſie ſich, ſtolz wie ſie war, beugen müßte, und ach! ſo gern ſich beugen würde; zu einem Manne,