Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Röschen vom Hofe. 83

wo es den Boden berührt hatte. Vogelſtimmen hörte man nur ſelten noch in dem ſtillen Revier, und ſie klangen gedämpfter und klagender, als ſonſt. Der Sommer iſt hin, der Sommer iſt hin; was wird die Zukunft bringen? das ſagten die Vogelſtimmen, ſagten die gelben Blätter und die Sommerfäden, ſagte die ſtille, ſonnige, warme Luft.

Was wird die Zukunft bringen?

Roſe hatte ſelten in ihrem Leben ſo viel an die Zukunft gedacht, als in dieſen Tagen. Sie wußte ſelbſt nicht weßhalb, aber ſie fühlte ſich melancholiſcher und weicher, als ſie ſich ſonſt wohl kannte. Es waren ihr ſogar ein paar Male, wenn ſie in ihrem Zimmer am Fenſter ſtand und den Schwalben zuſah, die raſtlos hin und wieder flogen und die Flügel zur großen Reiſe ſchmeidigten, die Thränen in die Augen gekommen.Was wird die Zukunft bringen? Wird ſie immer ſo ſtill und ſonnig und warm ſein, wie jetzt? Auf den Sommer folgt der trübe Herbſt, auf den trüben Herbſt der traurige Winter. Und für die Natur, für die Bäume und Pflanzen kommt dann wieder Frühling, aber auf den Herbſt und Winter des Menſchenlebens folgt kein Frühling, ſondern der Tod. Sterben und verlaſſen verlaſſen was man liebt, das iſt ſo traurig; aber trauriger: leben bleiben und verlaſſen werden von den Geliebten, allein ſein, für Niemand leben, als für ſich ſelbſt; Niemand lieben, als ſich ſelbſt. Als ſich ſelbſt? Giebt es denn nicht ſo viel Elend auf der Welt? ſo viel Thränen zu trocknen? ſo viel brennende Stirnen zu kühlen? Sind die Unglück⸗ lichen nicht die große Gemeinde, in der wir niemals einſam ſein können! Wie bald, wie bald wird die Zeit kommen, wo ich mit der Menſchheit nur noch durch die Unglücklichen zuſammenhänge, denn die Glücklichen bedürfen meiner nicht.

Roſe ſetzte ihren breiträndrigen Strohhut auf, nahm ihr Körbchen unter den Arm und ging zu der Wöchnerin, die im Fieber lag. Das arme junge Weib ergriff, als Roſe an ihr Lager trat, die beiden Hände des jungen Mädchens und benetzte ſie mit Thränen. Was ſollte aus ihrem Kinde werden, wenn ſie ſtürbe? ihr Mann ſei ja ſonſt ganz gut; aber er ſei ſo ſchwach und könne nicht vom Brannt⸗ wein laſſen, und wenn ſie todt ſei, werde er ſich gewiß dem Trunk ergeben und dann, und dann das arme Weib zerfloß in Thränen