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In der zwölften Stunde. 285
Svens Stirn glühte und ſeine Schläfen hämmerten, während kalte Schauer durch ſeine Adern rieſelten. Dieſe ſchlanken weißen Hände, die liebevoll ſeine Hände ſtreichelten,— dieſer ſchöne Mund, der Worte innigſter Liebe ſtammelte,— dieſe dunkeln Augen, deren ge⸗ heimnißvoll nächtige Tiefen von Blitzen heißer Leidenſchaft durchzuckt waren— wie durfte er das dulden, da er doch wußte, was er wußte! Er rang ſeine Hände aus den ihren, er ſuchte die Knieende aufzuheben und deutete mit bebender Hand auf das Ebenholzkäſtchen, das er bei ſeinem Eintritt auf den Tiſch, an welchem er jetzt ſaß, hatte gleiten laſſen. Seine Geberde, ſein Blick zwangen Corneliens Blick in dieſelbe Richtung; ſie erkannte das Käſtchen ſofort und ſtreckte mit einem Ausruf der Ueberraſchung die Hand danach aus, indem ſie dabei Sven fragend anſah. Sven, der die Entdeckung mit furcht⸗ barer Schnelligkeit herankommen ſah, konnte nur mit dem Haupte winken, daß er es ſei, der das Käſtchen gebracht habe.
Cornelie hob das Buch heraus und warf abermals einen Blick auf Sven. Ein Etwas in ſeinem zuſammengepreßten Mund, ſeinen ſtarren Augen ſchien ihre Seele mit einer dunklen Angſt zu erfüllen. Auch ihre Augen nahmen einen ſtarren Ausdruck an. Sie hatte die Schmuckſachen herausgenommen, das Medaillon entglitt ihren Fingern und fiel auf den Tiſch; die Kapſel ſprang auf.
„Weß iſt dies Bild?“ fragte Sven und die Worte rangen ſich kaum aus der gepreßten Bruſt.
„Meines Vaters,“ erwiderte Cornelie mit blaſſen Lippen.
„Und meines!“ murmelte Sven.
Cornelie war bei Svens verhängnißvollem Wort, als hätte ein Schlag ſie in's Herz getroffen, zurückgetaumelt. Jetzt ſtand ſie da, die Hand gegen die Stirn preſſend, bemüht, das Ungeheuere, das ſie eben gehört, ſich zum Verſtändniß zu bringen. Sven hatte ihr im Laufe ihrer Bekanntſchaft nach und nach die Geſchichte ſeines Lebens, ſeiner Familie erzählt. Cornelie bedurfte nur wenige Augenblicke, um die Möglichkeit, die Gewißheit zu begreifen, daß der Mann, der ihre Mutter ſo unſäglich elend gemacht, der Vater des Mannes ſei, den ſie geliebt.
Ein paar Laute, die halb wie ein Gelächter klangen und halb wie der Angſtſchrei einer Seele, welche die Qual, die ſie leidet, nicht


