In der zwölften Stunde. 273
Angenblick kommen, wo dieſe ſtummen grundloſen Vorwürfe herüber und hinüber nicht mehr ſtumm und nicht mehr ohne Grund ſind; wo keine Brücke der Verſtändigung über den Abgrund, den wir ſelbſt uns graben, möglich iſt!— Jetzt erſt fühle ich, was es heißt, allein ſtehen in der Welt, ohne Vater und Mutter, ohne Geſchwiſter und Freunde; ja, ohne Namen. Ich habe keinen. Was braucht eine Paria einen Namen?— es wird mich noch wahnſinnig machen; manchmal iſt es mir, als wäre ich es ſchon..
Zwei Monate ſpäter.
Da wären wir wieder einmal in Deutſchland,— ich kann nicht ſagen: meinem Vaterlande!— eine Paria hat ja kein Vaterland!
Sollte er mich wirklich lieben?— Ich weiß es ganz gewiß, daß man ihn zurückhaben will, daß ihm Lord P... die glänzendſten An⸗ erbietungen gemacht hat. Ich ſehe, welchen Kampf es ihn koſtete, aus der Arena fortzubleiben, in der er, im erſten ſtürmenden Anlauf, ſo glänzende Lorbeern errang. Kann ich dies verantworten? Als er mich fand, ſtand er dicht unter dem Gipfel der Macht— ſein Land blickte mit freudiger Hoffnung auf ihn. Ich habe ihn zu einem heimathloſen Wanderer gemacht, der ruhelos von einem Lande zum andern, von einer Stadt zur andern ſchweift. Er hat mir ſeine ſtaats⸗ männiſche Zukunft geopfert, er hat—
Geopfert! und immer wieder geopfert! ich habe das Opfer nicht von ihm verlangt— nicht dies und keines! Ich konnte die Londoner Luft nicht vertragen— ihre langweilige season, die öde Monotonie ihrer drawing-rooms, den Staub und die Hitze ihrer albernen routs! Ich konnte es nicht; das Blut meiner Mutter empörte ſich gegen dieſe ſteifleinene Grandezza, gegen dieſe grinſende Höflichkeit; ich wäre erſtickt in dieſer Atmoſphäre! Nun gut! Weßhalb ließ er mich nicht auf ſeinem Landſitz? weßhalb? Was ging es die Leute an, ob wir glücklich lebten, oder nicht? Mußte er darum Allem entſagen: ſeiner Lebensgewohnheit, ſeinen Hoffnungen, ſeinem Ehrgeiz? Damit die Laſt der Dankbarkeit, die er auf mich häuft, mich ganz zu Boden
Fr. Spielhagen's Werke. V. 18


