22 In der zwölften Stunde.
an welcher es ſchon einmal geruht, in jener Nacht, als die Welt um ſie her finſter war wie das Grab.
Seit jenem Frühlingsmorgen in dem Garten hinter der epheu⸗ umrankten Villa ſind manche Jahre verfloſſen. Mr. Brown hat mit ſeiner Gattin große Reiſen gemacht. Sie hat die Welt geſehen und die Menſchen kennen gelernt. Aus dem armen Mädchen iſt eine vor⸗ nehme Dame geworden. Sie hat Alles, was ſonſt das Herz einer Frau begehrt: Rang und Reichthum, Schönheit(ſo ſagen ihr die Schmeichler wenigſtens) und den größten Schatz des Weibes: blühende Kinder. Und dennoch, dennoch! ihr Herz, ihr ungeſtümes, habgieriges Herz iſt nicht zufrieden; ihr ſtolzes Herz, das grenzenloſer Liebe fähig iſt und dafür grenzenlos wieder geliebt ſein möchte. Und wird Fanny ſo geliebt? Manchmal glaubt ſie es; aber öfter, viel öfter glaubt ſie es nicht. Iſt eine Liebe, die aus dem Mitleid hervorging, die echte Liebed? Kann ſolche Liebe von Dauer ſein? Und auf der andern Seite: iſt nicht das Gefühl, zu Dank verpflichtet zu ſein, der Tod der Liebe? Iſt die Dankbarkeit nicht eine Kette? Darf die freie Liebe Ketten tragen? Und wiederum: findet eine Liebe, welche durch die Kette der Dankbarkeit gefeſſelt iſt, den rechten Glauben? Weßhalb nimmt Fanny die überſchwänglichen Huldigungen, die ihr von allen Seiten gezollt werden, mit einer Miene der Genugthuung entgegen, die ſie weit entfernt iſt, wirklich zu empfinden. Weßhalb? weiß ſie es oft doch ſelber kaum! um ſich frei zu fühlen, ſelbſt auf die Gefahr hin, die Eiferſucht ihres Gatten zu erregen. Denn er iſt, kalt und ruhig, wie er ſcheint, eiferſüchtig und argwöhniſch; wie ſollte er's denn auch nicht ſein gegen eine Dirne, die er von der Straßt aufgeleſen hat? Hätte ich in der großen Welt leben können, ehe ich ſein Weib wurde, es wäre beſſer geworden; ich brauchte nicht ſtets das Gefühl mit mir herumzutragen, daß aller Reichthum, mit dem er mich überſchüttet hat, die Freiheit, die ich verlor, ehe ich mich ihrer erfreuen durfte, nicht aufwiegt. Möglich, daß ich ihn auch dann noch gewählt, aber ich hätte ihn gewählt... ſo aber war er mein Retter, mein Wohlthäter— ich hatte keine Wahl... O, mein Gott, mein Gott, wohin ſoll dies führen? Ich ſehe ſchon im Geiſte den


