Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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270 In der zwölften Stunde.

Sie hatte, ſobald ſie erkannte, daß die Tochter ihrer Mutter in jenem entſetzlichen Hauſe nicht länger bleiben könne, keinen Augenblick in der Wahl zwiſchen Schande und Tod geſchwankt, und auch jetzt dünkte ihr dieſer Aufenthalt unter dem Dache eines Mannes, der ſie aus Mitleid von der Straße aufgeleſen hatte, unerträglich, um ſo unerträglicher, als ſie ſich mit dem leicht erreglichen Argwohn, der ſolchen Charakteren eigen iſt, einredete, daß Mr. Brown ſeine Hand⸗ lungsweiſe im Stillen bereue. Dieſer Gedanke verfolgte ſie ſo ſehr, daß ſie mehr als einmal halb und halb zu einer heimlichen Flucht entſchloſſen war, und nur die Gewißheit, daß Mrs. Jones darüber untröſtlich ſein würde, ſie vielleicht gar für ein ſchlechtes undank⸗ bares Mädchen halten könnte, hielt ſie von der Ausführung ihres Planes zurück.

Eines Abends, als die gute alte Frau, wie ſie es pflegte, noch vor ihrem Bette ſaß, beichtete ſie ihr Alles, was ſie auf dem Herzen hatte. Die ſuchte ihr ſo thörichte Gedanken auszureden, und wußte ihr durch Bitten und Thränen das Verſprechen abzulocken, daß ſie ſich unter keinen Umſtänden heimlich vom Hauſe entfernen wolle.

Es war am Vormittage nach dieſer Unterredung. Fanny pro⸗ menirte in dem Garten hinter dem Hauſe, wo es jetzt unter den knospenden Bäumen, auf denen die Vögel ſangen und Neſter bauten, ſchon recht anmuthig war. Sie dachte ihrer lieben todten Mutter, die nun in dem kalten Grabe ruhte, ſich nicht mehr dieſes warmen Sonnenſcheins, dieſer zarten Frühlingsblumen, die ſie ſo ſehr geliebt hatte, erfreuen konnte. Fanny's Herz wurde ſchwer; ſie fühlte ſich recht einſam und verlaſſen; ſie dachte zum erſten Male daran, daß ſie nie einen Vater gekannt, daß ſie nie, wie andere Kinder, mit Brüdern und Schweſtern geſpielt, und daß ſie das holde, ſchöne bleiche Weſen, an dem ſie mit ſo abgöttiſcher Liebe hing, verloren hatte, ohne einen letzten Kuß von ihren Lippen trinken zu können. Fanny ſetzte ſich in der Laube am Ende des Gartens auf eine Bank, verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte bitterlich.

Eine Hand legte ſich leicht auf ihre Schulter. Sie blickte auf. Mr. Brown ſtand vor ihr. Seine Augen ſchauten mit demſelben ernſten, ſchwermüthigen Ausdruck, der ihr bei ſeiner erſten Begegnung