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In der zwölften Stunde.
Das Gemach, in welchem ſie ſich befand, war nicht eben groß, aber hell und freundlich und mit Möbeln ausgeſtattet, die ihr, welche in
ſo großer Dürftigkeit aufgewachſen war, außerordentlich vornehm und prächtig erſchienen. Das Bett, in dem ſie lag, war mit den feinſten
weißen Linnen überzogen. Dann betrachtete ſie ihre Hände, die auf der Decke lagen, als ob ſie ihr gar nicht gehörten, und wunderte ſich, wie ſie ſo mager und weiß geworden waren. Und nun beſann ſie ſich auf den letzten ſchrecklichen Abend, und auf den Herrn, mit dem ſie in dem Wagen hierher gefahren war, und auf die alte Frau, die ſie zu Bett gebracht hatte.
Da kam aus dem Nebenzimmer, zu welchem die Thür offen ſtand, die alte Frau mit einem Herrn, deſſen Geſicht Fanny auch manchmal in ihrem Traum geſehen hatte. Es war ein kleiner, ältlicher Herr mit einem ſcharfen, intelligenten Geſicht. Er ſetzte ſich zu ihr an's Bett, nahm ihre Hände in die ſeinen und fragte ſie, wie es ihr ginge? dann wendete er ſich zu der Matrone und ſagte:„Nun ſind wir aus aller Gefahr, liebe Frau Jones. Wir können wieder ruhig ſchlafen.“ Dann klopfte er Fanny ſanft auf die Wangen und ſagte:„ſie ſei ein gutes Kind.“
Als der Arzt fort war, wollte Fanny der Frau Jones für ihre Güte danken, aber die ſagte: ſie ſolle ſich jetzt nur ruhig verhalten und erſt wieder zu Kräften kommen, zum Sprechen ſei noch immer Zeit.
So vergingen einige Tage. Fanny's Reconvalescenz ging bei ihrer kräftigen Natur mit raſchen Schritten vorwärts. Der Arzt kam alle Tage, und verſicherte ihr mit immer zufriedener Miene, daß ſie ein gutes Kind ſei. Und eines Morgens ſetzte ſich Mrs. Jones zu ihr auf das Bett, nahm ihre Hände und ſagte:„Nun, liebes Kind, erzählen Sie ein wenig aus Ihrem Leben. Denken Sie, ich ſei Ihre Großmutter, wie ich es ja auch den Jahren nach ſein könnte; oder nehmen Sie mich für das, was ich bin: eine alte Frau, die viel er⸗ fahren und viel gelitten hat, und recht gut die Schlingen kennt, in welchen Armuth, Jugend und Unerfahrenheit ſo leicht zu Fall kommen.
Fanny verſtand den Sinn dieſer letzten Worte kam, aber ſie fühlte, daß es die alte Frau gut mit ihr meine und daß ſie ihr Alles ſagen könne. Was hatte ſie denn auch am Ende zu verſchweigen?


