In der zwölften Stunde.
„Mein liebes Kind,“ ſagte er,„dies iſt keine Nacht, um ohne Hut und Mantel lange draußen zu bleiben. Erlauben Sie, daß ich Sie unter meinen Schirm nehme und nach Hauſe begleite.“
„Ich habe kein Haus;“ ſagte Fanny.
„Wohin gehen Sie denn?“
„Ich weiß es nicht.“
„Haben Sie keine Eltern, keine Geſchwiſter, keine Freunde?“
„Nein, Niemand, Niemand!“
„Armes Kind!“ murmelte der Mann. Er ging ein paar Schritte ſchweigend neben Fanny her, plötzlich, als ſie wieder an eine Laterne gelangten, blieb er ſtehen, gab Fanny den Schirm und trat ſo weit zurück, daß das Licht hell in ſein Geſicht fiel.
„Sehen Sie mich einmal genau an, Fräulein;“ ſagte er.
Fanny that es.
Es war ein ſtattlicher Mann mit einem ruhig ernſten Geſicht. Seine Augen waren mit einem ſchwermüthigen Ausdruck auf ſie gerichtet. „Glauben Sie mir vertrauen zu können?“ fragte der Mann.
„Ja;“ erwiederte Fanny nach einer kleinen Pauſe.
Er nahm, ohne ihre Antwort abzuwarten, ihren Arm unter den ſeinen und führte ſie aus der Gaſſe zurück in die breitere Straße. Fanny folgte ihm, zitternd vor Aufregung und vor Froſt, der allmälig ihre Glieder erſtarren machte.
„Wir müſſen ſuchen, in's Trockene zu kommen,“ ſagte der Herr; „Sie werden ſich auf den Tod erkälten.“
Er rief ein Cab an, das leer vorüberfuhr, und öffnete den Schlag.
„Steigen Sie ein, Miß!“ ſagte er.
„Nein, nein!“ murmelte Fanny und trat zurück. Ihre Glieder flogen; ſie konnte ſich kaum noch auf den Füßen halten.
„Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, bitte ich Sie, folgen Sie mir!“ ſagte der Mann, faßte Fanny mit ſanfter Gewalt um den Leib, hob ſie in den Wagen, rief dem Kutſcher ein paar Worte zu, ſtieg eben⸗ falls ein und nahm an Fannys Seite Platz.
Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung. Der Herr zog ſeinen Pelz aus und hüllte Fanny hinein. Sie ſträubte ſich kaum, denn ihre Kräfte waren gebrochen. Sie duldete es, daß der Herr mit ſeinem


