264 In der zwölften Stunde. gehabt hatte. Sie erinnerte ſich, daß ſie den Schlüſſel der Thür draußen hatte ſtecken laſſen, als ſie vorhin in ihr Zimmer gekommen war. Darauf baute ſie ihren Plan. In einem Augenblick, wo ſie fühlte, daß die Hände des jungen Mannes die ihrigen etwas weniger feſt umſchloſſen, riß ſie ſich mit einer verzweifelten Anſtrengung los, eilte mit einem Sprunge zum Zimmer hinaus, ſchlug die Thür hinter ſich zu, drehte den Schlüſſel um und war im nächſten Augenblicke auf der Straße. Es war ein Abend im Februar. Ein kalter, mit Schneeflocken untermiſchter Regen fiel unaufhörlich; die Gasflammen der Laternen glühten roth durch den trüben Waſſerdunſt. Von der Straße ſpritzte unter den in ununterbrochener Reihe hindonnernden Wagen der Schlamm auf die Trottoirs, über welchen die Regenſchirme der un⸗ zähligen Fußgänger ein bewegliches Dach bildeten. Fanny fühlte nicht den kalten Regen, der ihre dünnen Kleider durchnäßte, nicht die Stöße, die ſie vvn allen Seiten erhielt. Sie eilte, ſo ſchnell ſie nur immer vorwärts zu kommen vermochte, nach der Richtung, in welcher ſie den Fluß vermuthete. Sie wollte ein Aſyl, das ſie vor Schmach und Schande rettete, und ſie kannte kein anderes, als dieſes eine. Sie war in ihrem athemloſen Lauf in eine Straße gerathen, die zu einem vornehmeren Quartier gehören mochte. Es war verhältniß⸗ mäßig leer auf der Straße. Vor einem der Häuſer ſtrahlte das Licht der Gasflammen aus den weit geöffneten Thüren. Elegaute Kutſchen in raſcher Folge fuhren vor, und Herren in ſchwarzem Anzug und Damen in weißen Gewändern, Blumen im Haar und Blumen in der Hand, ſtiegen aus und ſuchten unter den Regenſchirmen galonnirter Bedienten ſo ſchnell wie möglich das Veſtibüle zu erreichen. Fanny ſah das Alles, wie man die Dinge und Menſchen in einem Traum ſieht; ſie wich den blendenden Lichtern und den geputzten Herren und Damen aus und ſuchte die dunkelſte Seite der Straße. Als ſie eben um eine Ecke in eine Nebengaſſe bog, ſtieß ſie an einen Herrn, der ihr eiligen Schrittes entgegenkam; das Licht einer Laterne fiel hell auf ihn und ſie. Der Herr murmelte einige Worte der Entſchuldigung. Als ſie die faſt einſame Gaſſe, in die ſie gerathen war, hinabeilte, hörte ſie einen ſchnellen Schritt hinter ſich. Wenige Augenblicke, und der Herr, dem ſie eben begegnet, war an ihrer Seite.
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