62 In der zwölften Stunde.
Du Dein Geſicht vor den Leuten verſtecken ſollteſt.. Aber Fanny fand, daß nur zu viel Grund dafür vorhanden ſei. Die Alte wählte immer die belebteſten Straßen und Plätze und die Zeit kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Promenaden von Müßiggängern wim⸗ melten. Es begegneten ihnen viele Herren, die Fanny in einer Weiſe anſtarrten, die ihr das Blut in die Wangen trieb. Viele von dieſen Herren ſchienen die Alte zu kennen. Sie nickten nachläſſig mit dem Kopfe, wenn ſie vorübergingen, und dann lachten ſie und ſtießen einander an. Einige blieben ſogar bei der Alten ſtehen und ſprachen mit ihr, aber ſo leiſe, daß Fanny nicht verſtehen konnte, um was es ſich handelte. Das Alles ängſtigte Fanny ſo, daß ſie die Alte bat, zu Hauſe bleiben zu dürfen. Die aber wollte davon nichts hören; ſondern lachte Fanny wegen ihrer Aengſtlichkeit aus, ſchalt ſie einmal eine Duckmäuſerin und das andere Mal eine Kokette, die recht gut wiſſe, wie hübſch ſie die Sprödigkeit kleide, und die mit ihrer Zurück⸗ haltung noch ihr Glück in der Welt machen werde.
Fanny wußte nicht, wie dieſe Reden zu deuten ſeien, aber ſie ſollte bald aus ihrer gefahrvollen Unwiſſenheit geriſſen werden.
Bis jetzt hatte ſie ſich nach den Spaziergängen für den übrigen Theil des Abends auf ihr Zimmer zurückziehen dürfen. Sie war ſehr froh über dieſe Erlaubniß, denn des Abends und oft bis tief in die Nacht hinein ging es ſehr lebhaft im Hauſe her. Fanny hatte von früher her die Gewohnheit, zeitig aufzuſtehen und zeitig zu Bette zu gehen. So lange ihre Mutter lebte, hatte das Gefühl der Sicherheit ſie ruhig und feſt ſchlafen laſſen. Auch jetzt befolgte ſie dieſelbe Lebens⸗ weiſe, aber ihr Schlaf war nicht mehr ſo tief und ſie erwachte manch⸗ mal mitten in der Nacht von einem Lärm, der aus den Zimmern ihrer Wirthin kommen mußte, und ſie mit einer unbeſtimmten Furcht erfüllte.
Eines Abends nun bat die Alte Fanny, als ſie ſich wie gewöhn⸗
lich entfernen wollte, zu bleiben. Es kämen einige Herren, die ſie gern kennen lernen wollten, zum Beſuch. Sie brauche ſich gar nicht zu ängſtigen, die Herren ſeien gute Bekannte der Familie, ja halb und halb mit derſelben verwandt. Bei dieſer Aeußerung fingen die beiden Töchter der Alten laut zu lachen an. Da Fanny keinen Grund, dieſe Einladung abzulehnen, aufzufinden wußte, ſo blieb ſie, obgleich


