Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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In der zwölften Stunde.

ganzes ſonſtiges Vermögen beſtand in wenigen Schillings, und die forder ihr die Wirthin ſchon am folgenden Tage für Koſt und Wohnung gb.

Fanny ſah dieſe Frau jetzt eigentlich zum erſten Male. Es war ein häßliches, widerliches Geſchöpf, auf deſſen Geſicht alle ſchlimmſten Laſter ihre Siegel gedrückt hatten. Sie erkundigte ſich genau, ob Fanny noch irgend welche Hülfsquellen, ob ſie Verwandte oder Be⸗ kannte habe, an die ſie ſich in ihrer Noth wenden könnte? Als Fanny dieſe Fragen mit Nein beantwortet hatte, wurde die Alte ſehr freund⸗ lich und ſagte: Fanny könne in ihrem Hauſe bleiben, ſo lange es ihr gefalle. Sie wolle ſie wie eine ihrer Töchter halten; ſie wiſſe, wie weh der Hunger thue und ſie habe ein Herz für die Unglücklichen und Verlaſſenen. Sie ſprach noch Vieles der Art, was ſich in ihrem Munde gar ſonderbar ausnahm; aber Fanny glaubte dem Allen, und obgleich die Häßlichkeit und das ganze Weſen der Alten ſie mit einem Schauder erfüllte, ſo wußte ſie ihr doch Dank für ein Mitleid, das ſo uneigennützig ſchien. Als die Alte ſte verlaſſen hatte, fiel Fanny auf die Knie und dankte Gott mit heißen Thränen, daß er ihr in ihrer Noth eine Retterin geſandt habe.

Die Alte hatte ein paar Töchter, welche ietzt zu Fanny kamen und ſich außerordentlich freundlich und zuvorkommend gegen ſie benahmen. Es waren hübſche Mädchen; aber die Reden, die ſie führten, und die Art, wie ſie ſich kleideten, erregten in Fanny eine inſtinctive Furcht, der gleich, mit welcher wir ſchöne Giftpflanzen in die Hände nehmen.

Man ließ Fanny in dem Zimmer, das ſie mit ihrer Mutter be⸗ wohnt hatte, aber ſie nahm an den Mahlzeiten der Familie Theil, und obgleich man ſich ihr gegenüber offenbar einen Zwang auferlegte, ſah und hörte ſie doch genug, daß ſie jedesmal froh war, wenn ſie ſich in ihr ſtilles, einſames Zimmer zurück gerettet hatte. Am pein⸗ lichſten waren ihr die Promenaden, zu welchen ſie die Alte, die für ihre Geſundheit außerordentlich beſorgt ſchien, jetzt häufig aufforderte. Fanny war auf der Straße immer nur an der Seite ihrer Mutter erſchienen, die ſtreng darauf hielt, daß ihr Geſicht ſtets mit einem dichten Schleier bedeckt war. Sie wollte dieſer Gewohnheit auch jetzt treu bleiben; aber die Alte litt es nicht.Du biſt in ehrbarer Geſell⸗ ſchaft, liebes Kind, ſagte ſie,und es iſt jetzt kein Grund, weshalb