Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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260 In der zwölften Stunde..

Mutter von ihr gelernt wünſchte, aus Liebe gelernt, wenn ihre Wiß⸗ begierde nicht eben ſo groß geweſen wäre, wie ihre Liebe.

So war Fanny ſechszehn Jahre alt geworden, ohne von der Welt mehr kennen gelernt zu haben, als wäre ſie eine von ſorgſamen Wäch⸗ tern behütete und beſchirmte Prinzeſſin geweſen. Sie verließ ihre kleine Wohnung nur immer in der Begleitung ihrer Mutter, welche nicht bedachte, daß der ſicherſte und oft der einzige Schutz der Armen und Verlaſſenen ihre, durch die Noth frühzeitig gereifte Lebenserfah⸗ rung und Menſchenkenntniß iſt. Die Mutter glaubte, ſie werde Zeit genug behalten, das Schiff des Glückes ihrer vielgeliebten Tochter in den ruhigen ſichern Hafen zu ſteuern, ohne daß die Tochter ſelbſt die rauhe und gefahrvolle Arbeit, die dazu gehört, kennen lernte. Sie wurde in dieſer Hoffnung betrogen.

Als Fanny eines Abends, auf die Rückkehr der Mutter harrend, zu Hauſe über ihren Büchern ſaß, wurde heftig an die Thür gepocht. Verworrene Stimmen, die nichts Gutes verkündeten, begehrten Einlaß. Zitternd öffnete Fanny. Man brachte ihre Mutter getragen eine Leiche! Ein Blutſturz hatte, als ſie eben von den Brettern hinter die Couliſſe getreten war, ihrem Leben, das ſchon lange an einem Faden. hing, ein Ende gemacht.

Es waren grauenvolle, entſetzliche Tage, die Tage, die nun folg⸗ ten. Aus der treuen mütterlichen Hut hinausgeſtoßen in eine bange Oede, in der tauſend Gefahren Gefahren, welche ſie mehr ahnte als begriff die Unerfahrene, Hülfloſe wie Geſpenſter umſchwebten. Allein, ganz allein und allein in London, dieſem donnernden Meere, wo das Hülfegeſchrei des Ertrinkenden ungehört verhallt, wo das Leben des Einzelnen nicht ſchwerer wiegt als die Schaumblaſe, die auf dem Waſſer treibt, um im nächſten Augenblick ſpurlos zu verſchwinden.

Man hatte die Mutter fortgetragen und auf einem Kirchhof in der Nähe verſcharrt. Fanny war allein geblieben in der öden Woh⸗ nung. Man hatte ihr nur das Allernothwendigſte an Kleidern und Hausgeräth gelaſſen, das Andere hatte dienen müſſen, die Koſten des Begräbniſſes zu decken. Ein paar Pretioſen der Mutter aus früheren beſſeren Tagen hatte ſie vor den habgierigen Blicken der Menſchen, die ſich in die Wohnung des Jammers drängten, zu verbergen gewußt. Ihr