In der zwölften Stunde. 259
längſt Ruhe und Vergeſſenheit in den Waſſern der Themſe geſucht, aber für ihr Kind ertrug ſie willig die Pfeil' und Schleudern des wüthenden Geſchicks, die Entbehrungen, den Mangel, die Noth— und ſchlimmer als das, die Qual, mit einem Herzen voll tiefſten Leides tanzen und lächeln zu müſſen vor einem Publicum, das kein Erbarmen hat und haben kann, und all' die tauſend Demüthigungen, die von einem groben Director und gemeinen Colleginnen einer armen, durch Kränklichkeit in der Ausübung ihrer Kunſt vielfach gehinderten Choriſtin bereitet werden. Sie ertrug dies Alles und hätte noch viel mehr ertragen. Was iſt einer Mutter unmöglich, wenn es ſich um ihr Kind handelt! Und ol mit welcher rührenden Zärtlichkeit ſie über dies Kind wachte! wie ſie ihr die kleinſten Steinchen aus dem Wege räumte, ſie, deren Fuß auf der rauhen Bahn ihres kummerreichen Lebens tagtäglich von ſcharfen Dornen mitleidslos zerriſſen wurde! Ihre größte Sorge war: ſie könne ſterben, bevor Fanny im Stande ſei, ſich ſelbſt ihr Fortkommen in der Welt zu ſchaffen. Sie hätte ihre Lage weſentlich verbeſſern können, wenn ſie zugegeben hätte, daß Fanny die Bretter betrat. Denn die Leute ſagten, daß Fannh ſchön ſei, und daß ſie durch ihre Schönheit allein Furore machen würde. Aber Conſtanze ſchauderte vor dieſem Gedanken zurück. Ihr Kind, ihren Engel in dieſen Pfuhl der Sünde ſtoßen, zugeben, daß die Reine geſchleudert werde in dieſes Pandämonium— o, nimmer, nimmermehr! nicht für alle Schätze Indiens! Hatte ſie doch ſelbſt, als ihr die Wahl geſtellt wurde, zwiſchen bezahlter Schande und einem Leben voll Noth und Entbehrung keinen Augenblick geſchwankt. Fanny
ſollte nie erfahren, daß die Schönheit das Aushängeſchild des Laſters
ſein kann. Ihr Plan war, das Kind möglichſt viel lernen zu laſſen und ſie ſodann in einer ehrbaren Familie als Erzieherin unterzu⸗ bringen. Sie zweifelte nicht daran, daß ihr dieſer Plan gelingen werde. Sie ſelbſt war die Lehrerin ihres Kindes. Sie ſprach die hauptſächlichſten lebenden Sprachen, ſie hatte viel und mit Verſtändniß geleſen; ſie hungerte, um ihrer Tochter eine Grammatik, irgend ein Buch, das ſie für nöthig hielt, kaufen zu können. Ihre Sorgfalt war nicht verſchwendet. Fanny hing mit ebenſo großer Liebe an ihrer
Mutter, wie ſie von dieſer geliebt wurde, und ſie hätte Alles, was die 17*


