258 In der zwölften Stunde.
meine Geliebte— und ich gebe Dir jährlich tauſend Thaler— oder auch zweitauſend, oder ſo viel wie Du willſt— ſagte der Cavalier, der ſah, daß Conſtanze bei ſeinen Worten immer bleicher und bleicher geworden war.
Conſtanze antwortete nichts. Sie deutete nur ſchweigend auf die Thür. In ihrem Antlitz und in ihrer Geberde lag ein Etwas, das Gehorſam heiſchte. Der Cavalier entfernte ſich und murmelte: er wolle morgen wieder kommen, wenn die Dame in etwas beſſerer Laune ſei. Er kam auch wirklich am andern Tage, aber er fand die Woh⸗ nung Conſtanze's leer. Sie war noch in derſelben Nacht abgereiſt, Niemand wußte wohin, und Niemand hat es je erfahren.
Einige Jahre ſpäter trat an einem der kleineren Theater Londons eine Tänzerin auf, über welche das Urtheil des Publicums ſehr getheilt war. Die Einen ſagten: ſie ſei ein Muſter von rührender Anmuth und hinreißender Grazie, die Andern fanden ihre Bewegungen languid und ihre Saltos bei weitem nicht hoch genug; die Einen behaupteten: es ſei eine der ſchönſten Frauen, die man ſehen könne, die Andern: ſie ſei allerdings früher jedenfalls ſehr ſchön geweſen, aber die Jahre, Krankheit oder Kummer hätten doch in dieſer Schönheit bereits arge Verwüſtungen angerichtet. Wie dem auch ſein mochte: die Künſtlerin errang nur einen ſehr fraglichen Beifall und der Director, der ſie mit allem Pomp angekündigt hatte, ließ ihr die Wahl, ob ſie in das Corps de Ballet eintreten, oder ihr Heil auf einer andern Bühne verſuchen wolle.
Sie entſchied ſich für das Erſtere. Sie wußte am beſten, daß die Recht hatten, welche behaupteten, daß ihren Leiſtungen die rechte Kraft und ihrer Schönheit die friſche Blüthe fehle. Sie wußte, daß Krankheit und Kummer jene unwiederbringlich gebrochen und dieſe für immer abgeſtreift hatten. Sie wußte, daß ihr der Tod am Herzen nage, und daß der Tanz, den ſie auf der Bühne unter dem Applau⸗
diren und Ziſchen der Menge tanzte, ein Todestanz ſei. Dennoch mußte ſie leben— nicht für ſich, denn das Leben war ihr eine Laſt— aber ſie hatte ein Kind, ein Töchterchen, das ſie mit der ganzen, durch Leid und Schmerz nur noch geſteigerten Gluth eines unendlich liebreichen Herzens liebte. Sie, für ſich ſelbſt, hätte ſchon


