256 In der zwölften Stunde.
„Eine engliſche Dame hat's vor vielen Jahren bei mir liegen laſſen; ich wollte es immer einmal den Herrn Baron zeigen, und ich dachte, daß gerade jetzt, wo der Herr Baron ſo viel lange Weile— Nein, nun höre Einer dieſen Mr. Tomlinſon! Wie das wieder an der Klingel reißt!“—
Die Haubenbänder flatterten hinter Madame her zur Thür hinaus.
vierzehntes Capitel.
Svpen war kaum allein, als er ſchon wieder in das brütende Sinnen, aus welchem ihn das Erſcheinen ſeiner Wirthin für einen Moment aufgerüttelt hatte, verſunken war. Als ſein Blick nach einiger Zeit zufällig das Buch in Maroquineinband traf, mußte er ſich erſt beſinnen, wie es auf ſeinen Tiſch gekommen. Mechaniſch griff er da⸗ nach und eine ſeltſame Empfindung durchzuckte ihn, als ſein Auge jetzt auf die zierliche engliſche Schrift fiel, mit welcher die Blätter bedeckt waren.„Sagte ſie nicht etwas von engliſchen Dame, die vor Jahren bei ihr gewohnt, oder habe ich es nur geträumt?“ Haſtig überflog er einige Stellen, die ſein ſchon erwecktes Intereſſe noch ſteigerten; dann begann er, ohne zu bedenken, daß er kein Recht habe, dies zu leſen, von Anfang an mit einer ahnungsvollen Unruhe, die ſich von Seite zu Seite ſteigerte.
Fanny, ſo nenne ich die Heldin dieſer wahrhaftigen Geſchichte, hatte ihren Vater nie gekannt. Ihre Mutter beſaß, Bajadere, wie ſie war, einen ſtolzen Sinn, der ſich gegen eine unwürdige Behand⸗ lung empörte und das äußerſte Elend einem ſchmachvollen Glanze vorzog. Sie hatte ſich in einer Umgebung, wo Sittenloſigkeit die Regel und die Verſuchung zur Sünde rieſengroß iſt, rein erhalten. Sie war eine beliebte und wegen ihrer Schönheit gefeierte Tänzerin, vennoch konnte ſich Niemand ihrer Gunſt rühmen. Da lernte Conſtanze


