254 In der zwölften Stunde.
auf die Spur zu kommen. Und es dauerte nicht lange, ſo hatte die ſchlaue kleine Perſon dieſe Spur entdeckt. Es mußte doch einen Grund haben, weshalb Svens Opernglas immer auf dem kleinen Tiſchchen neben ſeinem Lehnſtuhl in der offenen Balkonthür lag; es konnte doch nicht von ungefähr ſein, daß Sven in den kurzen Unter⸗ redungen, die er mit ihr über wirthſchaftliche Angelegenheiten hatte, beinahe jedesmal auf eine gewiſſe Dame zu ſprechen kam; es mußte ihm doch in der Geſellſchaft dieſer gewiſſen Dame ſehr gefallen, oder er würde wohl nicht Abend für Abend in eine gewiſſe Villa gegangen ſein.
So wußte Madame Schmitz ſchon lange vor dem Hereinbruch der Kataſtrophe, weshalb Mr. Tomlinſon, der gerade unter Sven wohnte, durch einen Schritt, der nächtlicher Weile ſtundenlang über ſeinem Kopfe den Teppich des Fußbodens von einem Ende bis zum andern maß, um ſeine koſtbare Ruhe gebracht wurde. Jetzt nun war vollends jeder Zweifel unmöglich. Mr. Durham ertrunken auf einer Waſſerfahrt, von der man Sven mit triefenden Kleidern, bewußtlos nach Hauſe gebracht hatte,— Madame ſtrengte ihr fruchtbares Gehirn an, den eigentlichen Hergang dieſer ſchauerlichen Geſchichte heraus⸗ zugrübeln und kam ihrem Scharfſinne durch gelegentliches Horchen an dem Schlüſſelloch von Svens Zimmer, wenn dieſer mit Benno ſo heftige Unterredungen hatte, erfolgreich zu Hülfe. Madame ging in dem geheimnißvollen Adyton ihres Wohnzimmers, welches ſich zur ebenen Erde, rechts von der Hausthür, der Portierloge gegenüber befand, mit ſich zu Rathe, was in dieſer ſchwierigen Lage zu machen ſei. Es war eine verteufelte Geſchichte— gerade ſo, wie vor vier Jahren als Bob Wesley der ſchönen Frau den Hof machte, nur daß Mr. Durham nun todt und kalt, mithin die Sache nicht ganz ſo ver⸗ zweifelt war, als in jenem Falle.—„Was der Baron wohl gäbe, wenn—“ Madame Schmitz ſah ſich ſcheu um, denn ſie hatte, wie es ihre leidige Gewohnheit war, ihre letzten Worte laut geſprochen; es hatte ſie Niemand gehört, es konnte ſie Niemand gehört haben; dennoch ſtand Madame von ihrem Sorgenſtuhl auf, ſchloß die Thür ab, hing ihre ſchwarzſeidene Schürze über das Schlüſſelloch, ging dann zu dem altmodiſchen Secretär, der in der Tiefe der Stube ſtand,


