In der zwölften Stunde. 253
Dreizehntes Capitel.
In dieſer Zeit erwarb ſich Madame Schmitz durch ihre ſorgſame Pflege um ihren jungen, an Seele und Leib kranken Miethsherrn Verdienſte, die er ſelbſt freilich in keiner Weiſe anerkannte, und die deshalb der kleinen Dame um ſo höher angerechnet werden müſſen. Frau Schmitz hatte mit dem divinatoriſchen Scharfſinn, den ihr die Natur verliehen und den ſie in ihrer früheren Praxis, wo ſie die Leidenſchaften ihrer Kunden in Rechnung bringen und zum Theil darauf ſpeculiren mußte, bedeutend ausgebildet hatte, ſehr bald heraus⸗ gebracht, daß Svens Gemüthszuſtand wohl nicht ſo ruhig war, als es im Intereſſe von Madame Schmitz wünſchenswerth ſchien. Ma⸗ dame Schmitz hatte einen inſtinctiven Abſcheu vor der Melancholie, vermuthlich, weil ſie dieſelbe ſo oft mit der Unfähigkeit, ausgeſtellte Wechſel einzulöſen, in Verbindung geſehen, und weil ſie in ihrer jetzigen Praxis, als Hausbeſitzerin und Vermietherin elegant möblirter Wohnungen an einzelne Herren und ganze Familien, die Erfahrung gemacht hatte, daß die meiſten Klagen über unregelmäßige Bedienung, zu ſchwachen Kaffe, rauchende Oefen, ſchlecht ſchließende Fenſter, muſicirende Zimmernachbarn, Lärm auf der Straße u. ſ. w. von den melancholiſchen Temperamenten einliefen. Nun waren freilich noch keine Klagen, wie ſie ſie ſo oft hören mußte, über Svens Lippen ge⸗ kommen. Er war in Madame Schmitz Augen ein Muſter⸗Miether, ein wahres Pracht⸗Exemplar von einem einzelnen Herrn; aber— Madame Schmitz wußte es— mit melancholiſchen Miethern iſt kein dauernder Bund zu flechten. Sie können ſich erſchießen— der Fall war wirklich in ihrem Hauſe mit einem vom Spleen geplagten Eng⸗ länder vorgekemmen— ſie können über Nacht auf den Einfall ge⸗ rathen, daß der Himmel an dieſem Orte zu ſchwer über ihnen hängt und am nächſten Morgen ihre Sache packen; Madame Schmitz hielt ſich in ihrer Eigenſchaft als Frau und Wirthin eines Hötel garni verpflichtet, Alles aufzubieten, um der Urſache von Svpens Trübſinn


