In der zwölften Stunde. 251
nach ſo langen, langen Jahren kommen ſie ihm wieder in das Ge⸗ dächtniß, als wären ſie geſtern erſt geſprochen worden.— Und dann dachte er einer andern Scene, wo er, viele Jahre ſpäter, als Jüng⸗ ling, ſeine Mutter in demſelben Buchengange am Arm geführt, und ſie, nachdem ſie viel über ſeine Zukunft geſprochen, ihre milden großen Augen mit ernſter Zärtlichkeit auf ihn richtend, geſagt hatte:„Und über Alles, Spen, ſei treu gegen Dich ſelbſt und gegen Andere, und verleite auch Niemand, daß er die Treue bricht. Denn der Friede mit uns ſelbſt iſt das höchſte aller Güter, und der Treuloſe hat keinen Frieden.“
Ach, Frieden, Frieden! wie wenig Frieden hatte ſein Leben jetzt! wie ſchwankte ſeine Seele, gleich einem ſturmgequälten Schiff, von einer Woge des Gefühls in die andere! Seine Phantaſie zeigte ihm fortwährend die entſetzlichſten Bilder. Er ſah Mr. Durham mit den Wellen ringen, verſinken, ſich noch einmal heben, um dann für immer von dem rauſchenden Strom verſchlungen zu werden. Er ſah Cor⸗ nelien am Bette des kranken Edgar mit düſtern trocknen Augen vor ſich hinſtarren; er hörte ſie leiſe mit bebenden Lippen den Tag ver⸗ fluchen, an welchem ſie den Fremdling zum erſten Mal erblickte. Er ſah ſie zuſammenfahren, als es jetzt in der Nacht an die Hausthür pocht, die Hand auf das Herz drückend lauſchen und dann mit einem wilden Schrei zuſammenbrechen, während der kranke Knabe fragt: ob nun der Vater nach Hauſe komme?
Wenn dann nach einer von ſo ſchauerlichen Träumen heimge⸗ ſuchten Nacht endlich der Tag anbrach und er Kraft gewann, die Fiebergeiſter in ſein Hirn zu verſchließen, ſah er ſeine Situation wohl deutlicher, aber nicht tröſtlicher. Benno's ſcharfe Logik hatte unbarmherzig den dichten Schleier zerſchnitten, mit welchem die Leiden⸗ ſchaft ſein Auge verhüllt hatte. Er fragte ſich, ob Benno nicht doch recht haben könnte, wenn er behauptete, daß Cornelie ihn nie wahr⸗ haft geliebt habe, und hier war es ein Umſtand, der ſeine Zweifel immer wieder von neuem aufregte, ja ſeine Befürchtung zur Gewiß⸗ heit zu machen ſchien.— Er hatte ſich, ſobald es ſeine Kräfte irgend zuließen, gegen Benno's Willen und auf die Gefahr hin, ſeinen Zuſtand bedenklich zu verſchlimmern, aufgerafft und ein paar Zeilen


