In der zwölften Stunde. 233
die Gewalt, die ihnen angethan wurde, energiſch proteſtirt hatten, von Nanch, der alten engliſchen Dienerin, weggeführt und Sven und Cornelie waren allein; zum erſten Male wirklich allein ſeit der Scene auf dem Gebirge.
„Ich will auch, wie die Kinder, gute Nacht ſagen, obgleich ich wo möglich noch weniger Luſt, wie ſie, zum Fortgehen habe;“ ſagte Sven ſich erhebend.„Es kommt heute Abend doch Niemand mehr. Das Wetter iſt den guten Leuten zu ſchlecht.“
Obgleich Spen aufgeſtanden war, ſchien er es doch nicht eben eilig zu haben. Er ſtellte ſich an die Glasthür, die auf die Terraſſe führte und heute geſchloſſen war und beobachtete den Zug der Wolken, die ein ſauſender Sturm über den Abendhimmel wälzte.
Cornelie erwiderte nichts, ſie ſtarrte noch immer in das Buch. Die Seite auf der ſie las, mußte ſehr ſchwer zu Verſtehendes ent⸗ halten; ſie hatte das Blatt ſeit einer Viertelſtunde nicht mehr umge⸗ ſchlagen.
Sven trat an ſie heran.
„Gute Nacht!“ ſagte er.
„Gute Nacht!“ erwiderte ſie, ohne von dem Buche aufzublicken.
„Sie pflegten mir ſonſt, wenn ich ging, die Hand zu reichen;“ ſagte Sven nach einer Pauſe, in welcher kein Laut in dem Zimmer gehört wurde, als das Tiktak der Pendule und das Klatſchen der Regentropfen auf den Scheiben.
Cornelie reichte ihm die Hand.
„Gute Nacht!“ wiederholte ſie, aber noch immer war ihr Geſicht über das Buch gebengt.
„Habe ich Sie erzürnt? Was habe ich gethan, daß Sie mich nicht eines Blickes würdigen?“
Sven erhielt keine Antwort, aber er ſah, daß zwei große Tropfen auf das Blatt fielen.
Das war eine Antwort, die Sven in's Herz ſchnitt. Er ver⸗ mochte nicht länger ſich zu beherrſchen. Er warf ſich vor der Weinen⸗ den auf die Knie. Er nahm ihre Hand und küßte ſie voll innig⸗ ſter Liebe.
„Gute Nacht, gute Nacht,“ rief er,„Du Einzige! gute Nacht


