42 Clara Vere.
auf dem ihr ſchmaler Fuß ruhte.— Ach! wie das einſchläfernd war, dieſes ewige Blühen und Duften, dieſes raſtloſe Singen der Vögel, dieſes Summen und Schwirren der Inſecten, dieſer ewig blaue Himmel, dieſer ewige Sonnenſchein! Dieſe Welt war Lady Vere's nicht werth! und noch vier Wochen, bis ſich das Haus mit Gäſten füllte! Was iſt eine Herrſcherin ohne Unterthanen? und verlohnte es ſich der Mühe, über dieſe Menſchen zu herrſchen? Was war es ihr, daß die Diener leiſer auftraten, wenn ſie an ihren Zimmern vorbeikamen? daß das Lachen aufhörte und der Scherz verſtummte und die Leute in ſcheuer Ehrfurcht zu der blaſſen, prächtigen Dame aufſahen, wenn ſie an einer Gruppe Arbeiter im Park vorüberſchritt? daß der alte Lord wunderbar feierlich und geſetzt während der lang⸗ weiligen Mahlzeiten an ihrer Seite ſaß, während ſie doch wußte, daß er hinter ihrem Rücken ſich an harmloſen Scherzen mit ſeinem Keller⸗ meiſter, ja den Bedienten ſchadlos hielt, die er um Entſchuldigung bat, wenn er ſie einmal bemühen mußte? Was waren ihr die Huldi⸗ gungen, die ihr der kleine, gelehrte Paſtor weihte, dem zu einem vollendeten Höfling weniger der gute Wille, als die gute Schule fehlte, die er in ſeinem kleinen Dorfe freilich nicht hatte durchmachen können? was war es ihr, daß er Mylady's Sprachkenntniſſe bewunderte, My⸗ lady's feinen Geſchmack lobte— was bewunderte und lobte er auch nicht an der reichen Erbin? Sie hätte häßlich ſein können, wie die Sünde, oder dumm, wie Sr. Ehrwürden Gemahlin, die ſich dieſen Vorwurf und den ſchlimmeren der Armuth oft genug mußte gefallen laſſen— er würde ſie in Demuth angebetet haben.
Für ſie gab es nur einen lichten Punkt in der ganzen Landſchaft, der es werth war, daß ihre ſtolzen Wimpern ſich vor ihm hoben, daß ihre ſchönen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten— es war der einzige, und ſie ſchätzte ihn demgemäß: die Koſtbarkeit der Dinge ſteigt mit ihrer Seltenheit. Es war nur eine Aushülfe, die ihr der Stunden Einerlei erträglich machen ſollte; aber vier Wochen ſind ſo lang— und ſchießt ja doch auch der Jäger eine nichtsnutzige Krähe, aus Verzweiflung, daß die Hühner nicht halten wollen!
Es war nur eine ſchlechte, niedrige Jagd, aber es war doch Jagd; und wenn das Wild es auch nicht werth war, daß man es


