Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Clara Vere.

„Ich habe davon Ihre Zukunft abhängig gemacht; ich kann Ihnen jetzt Ihr Schickſal prophezeien.“

„Und das wäre?“

„Haben Sie Lady Vere geſehen?“ fragte Helene als Antwort.

„Ja! was hat Lady Vere mit meinem Schickſal zu ſchaffen?“

„Mehr als Sie glauben!“ ſagte Helene.

„Können Sie auch daraus wahrſagen, Sie liebe Zigeunerin mit den blauen Augen, daß ich Lady Vere Deutſch lehren ſoll?“

„O! Lady Vere! Sie werden Lady Vere noch Manches lehren und noch Manches von ihr lernen!“

„Was denn zum Beiſpiel, liebe Helene?“

„Was weiß ich!“ ſagte Helene, faſt weinend.

Es war ein wunderliches Verhältniß zwiſchen den Beiden.

Sie war ſein Liebling geweſen von jeher. Er hatte ihr, ſeit der Zeit, als ihn der Fflegevater zum erſten Mal mit auf die Jagd nahm und damals war er gerade dreiehn Jahre alt, mit jener Zärt⸗ lichkeit gehuldigt, die jeder großherzige Knabe, ehe eine andere Liebe in ihm erwacht, einer jüngeren, reizenden Schweſter weiht, und die in ihrer Leidenſchaftlichkeit, ihrem Ungeſtüm, ihrer Eiferſucht, ihrer Ritter⸗ lichkeit etwas unendlich Rührendes hat. Helene zu lieben, mit ihr

Alles zu theilen, ihr Alles zuzutragen, von dem Vogel, den er im Walde gefangen, bis zu einem ſchönen Gedichte, das er geleſen, war ihm ſo natürlich, wie zu athmen; und er hatte ſich niemals über die Natur ſeiner Liebe zu dem holden Mädchen Rechenſchaft gegeben,

wie der Menſch, der voll athmet, und dem das Herz muthig ſchlägt, nicht weiter über die Beſchaffenheit und Lage ſeiner Lunge und ſeines Herzens nachdenkt. Als er von ſeiner Reiſe zurückkehrte, war es ihm wenig aufgefallen, daß ihm das wilde Mädchen von vierzehn Jahren zur reizenden Jungfrau entfaltet entgegentrat. Hatte ſich doch in allen alten Verhältniſſen ſo viel Neues eingefunden; war doch ſeine ganze Stellung ſo ganz verändert! Er glaubte noch mit Helene auf dem alten Fuße zu ſtehen; er fand es ſo natürlich, daß ſie ihm bei ſeiner Ankunft nicht entgegen geſprungen war, und ihn geküßt und geherzt hatte, wie ſie es ſonſt gethan, wenn er aus den Ferien nach Hauſe

kam; und wenn jetzt ein gelegentliches„Herr“ oder„Fräulein“ in der