Clara Vere. 37
„Und dieſer Mann“ dachte Georg, als er durch die große Allee nach Hauſe galoppirte,„iſt meines Lords Nachfolger und der Vater Lady Vere's!“ Er war ſeelenfroh, daß er noch ſo leichten Kaufs von dem eigenſinnigen alten Herrn losgekommen war, und daß er für den Augenblick keine Hemmungen in ſeinen Plänen zu fürchten hatte. Die Vermehrung ſeiner Arbeiten kümmerte ihn wenig. Der junge Mann war glücklich, wenn er Andere unterſtützen konnte; er lud unbedenklich Laſten, unter denen er den ſchwächeren Gefährten wanken ſah, auf die eigene Schulter, weil er die Kraft in ſich fühlte, ſie mit Leichtigkeit tragen zu können. In ſeinem hellen Kopfe tummelten ſich tauſend Gedanken munter durcheinander.
Er wollte Lady Vere für ſeine Pläne intereſſiren; ſie mußte darauf eingehen, ſie mit ihrem glänzenden Verſtande; jetzt wollte er die Sache noch in größerem Maßſtabe betreiben. Und dann dachte er an die Bibliothek und an ſeinen Lord, und an das ſchöne Portrait, und das ſchöne lebende Weſen mit den großen dunklen Augen, und an ſeine liebe Helene und ihr helles Lachen; und er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte dahin, daß die alten Eichen verwundert die Köpfe ſchüttelten, und ſich ihre Bemerkungen mittheilten, als er vorüberflog.
Fünftes Capitel.
Es war ſchon Nachmittag, als Georg am Förſterhauſe ankam. Helene hatte mit dem Eſſen auf ihn gewartet, die Mutter das Zimmer noch nicht verlaſſen.
„Wiſſen Sie, Georg,“ ſagte das junge Mädchen,„daß es gerade heute ſehr wichtig war, ob Sie zu Mittag zu Haus waren⸗ oder nicht?“
„Nein, Helene, weßhalb das? hat ſich etwas ereignet?“


