Clara Vere. 39
Unterhaltung vorkam, dachte er wohl nicht, daß ſich ein gut Theil Ernſt in den Scherz miſchte.— Waren ſie doch Beide ſo viel älter und verſtändiger geworden! Er glaubte, wenn er ja einmal über das Verhältniß nachdachte, daß alle Brüder auf der Welt ſo gegen ihre Schweſtern ſeien, wie er gegen Helene, und alle Schweſtern gegen ihre Brüder, wie Helene gegen ihn; und nur ein einziges Mal, als Helene die alte Mutter zärtlich umarmte, war ihm der Gedanke durch den Sinn gefahren, daß der Kuß jenes erſten Abends für nun faſt ein volles Jahr der erſte und letzte geweſen ſei. Aber liebten ſie ſich denn nicht wie Geſchwiſter? und war ihre Freundſchaft nicht dieſelbe, ob mit, ob ohne Austauſch von Zärtlichkeiten?—
Freundſchaft! Geſchwiſterliebe! dieſe reizenden Märchen, die ſich Perſonen verſchiedenen Geſchlechts, die nicht Bruder und Schweſter ſind, nur zu gern einander erzählen, und an die ſie ſo ehrbar glauben, wie die Kinder an die goldene Krone, mit der der König zu Bette geht, und an die drei eiſernen Reifen, die der treue Heinrich um ſein Herz gelegt hatte.
Glaubte Helene auch an die eiſernen Reifen?
Ach! der eine war wohl ſchon geſprungen, als Georg, von der ſüdlichen Sonne gebräunt, ein Mann, zurückgekehrt war von der Reiſe, zu der er als ſchlanker Jüngling ausgefahren; als er ſie in ſeinem Arm gehalten und freundlich und forſchend mit ſeinem treuen Auge, das ſo viel feſter und ernſter blickte, ihr in's Aug' geſehen; und heute Morgen, als ſie, in der Ungeduld über ſein langes Ausbleiben, ein Buch aus ſeiner Stube holen wollte, und, ohne eine Zeile zu leſen, lange Zeit in ſeinem Arbeitsſeſſel geträumt, und an Lady Vere gedacht hatte, und ſein aufgeregtes Weſen von geſtern Abend;— da war mit dem tiefen Seufzer auch wohl der zweite Reifen geſprungen, und das Herz ſchlug höher, wenn auch nicht leichter.
Das Weib iſt in ſolchen Angelegenheiten unendlich feinfühlender, als der zartfühlendſte Mann.— Jedes Genie iſt ja bekanntlich ein geborner Kunſtrichter, und jedes Weib ein Genie, wo es liebt, und eine geborne Richterin in der Liebe, und Aphrodite und die Muſen ſind ſich von jeher ſreundlich begegnet.
Die Myſterien der Liebe und die der Kunſt erklären ſich oft gegen⸗


