Clara Vere. 25
Zauberbann gefeſſelt. Keinem Menſchen hätte aber auch ein ſtreb⸗ ſamer, talentvoller Jüngling williger Dienſte geleiſtet, wie ihm, weil er bald einſehen mußte, daß er ſich damit ſelbſt den größten Dienſt leiſtete. Lord Vere ließ den jungen Mann an allen ſeinen vielen Ent⸗ würfen und Arbeiten den umfaſſendſten Antheil nehmen. Er ſelbſt war kein zu verachtender Gelehrter, und in den Natur⸗ und mathe⸗ matiſchen Wiſſenſchaften galt er allgemein für eine Autorität. Der unermüdliche Jüngling kannte bald keinen größeren Stolz, als Lord Vere bei ſeinen Arbeiten helfen zu können. Was aber das Beſte war, und was der hochſinnige Georg mit Bewunderung erkannte: er hatte in Lord Vere einen Mann vor ſich, deſſen Denken mit ſeinem Handeln im vollkommenſten Einklang ſtand, einen Menſchen, aus ganzem Holz geſchnitten, wie ſie das einfachere Alterthum häufiger erzeugte, und wie ſie in der wechſelvollen Temperatur unſers modernen Lebens nur ſpärlich gedeihen.— Georg war ſchon draußen geweſen. Er hatte ſeinen Leuten Befehle für den Tag ertheilt, dem Knecht das Pferd zu ſatteln be⸗ fohlen, und ſtand in ſeiner Stube zum Austritt fertig, als ein wohl⸗ bekanntes Pochen an ſeiner Thür ſich vernehmen ließ. „Nur herein, Helene!“ ſagte der junge Mann. „Schon auf, Georg?“ ſagte ſie, den Kopf hereinſteckend,„ſchon auf und davon?“ fuhr ſie eintretend fort.„Sie müſſen beſſer ge⸗ ſchlafen haben, wie ich. Ich hörte die Mutter die halbe Nacht ruhe⸗ tos nebenan auf und abgehn; ich habe mich nicht geregt, aber ge⸗ ſchlafen habe ich auch nicht.“ „Sie ſehen blaß aus, armes Mädchen! Unſer Gang geſtern Abend hat Sie zu ſehr angegriffen; der bleiche Mond und der kalte Nachtthau ſchaden ſo friſchen Blumen. Wo iſt die Mutter?“ „Auf ihrem Zimmer, gehn Sie nicht zu ihr, ſie will Niemand ſehen.“ „Ich muß fort, Helene. Schaffen Sie die Mutter heiter; aber werden Sie es nur erſt ſelbſt! Sie wiſſen, ich kann Sie nicht traurig ſehen.“ „Sind Sie zu Mittag wieder hier?“


