Clara Vere. 21
Drittes Capitel.
Als kaum die Sonne am nächſten Morgen herauf war, ſaß Georg ſchon munter an ſeiner Arbeit.— Dieſem jungen Manne genügten wenige Stunden Schlaf. Er glich in der Schnelkkraft ſeines geiſtigen und phyſiſchen Lebens jenen herrlichen, feingebauten arabiſchen Pferden mit den Muskeln von Stahl, die den Wüſtenſand durch⸗ fliegen, über die ſchroffen Felſen klimmen, denen die kärglichſte Nah⸗ rung genügt, und die wenig Zeit bedürfen, um ſich zu verſchnaufen.
Die ernſte, faſt traurige Stimmung, in die ihn die Ereigniſſe und Geſpräche des geſtrigen Abends verſetzt hatten, war verſchwunden, wie das Dunkel vor den Strahlen der Sonne; er lachte dem jungen Morgen entgegen, wie die Lerche ihm entgegen jubelte, die bei Ein⸗ bruch der Nacht ſich ſtill auf ihr Reſt geſenkt. Die Feder, die er geſtern Abend verdroſſen aus der Hand gelegt, flog jetzt ſchnell und behend über das Blatt hin— er wollte noch, ehe er auf das Schloß ging, ſo viel ſchaffen, als ſich noch ſchaffen ließ, wenngleich der Ab⸗ ſchluß der Arbeiten, den er gewünſcht hatte, durch die plötzliche An⸗ kunft des Lords unmöglich wurde.—„Wenn er mir ſo freie Hand läßt, wie mein Lord“ dachte der junge Mann, während er den Stand der Arbeiten noch einmal überſchaute,„doch das iſt nicht möglich! Wie wußte er ſo klug und beſtimmt anzuordnen, wo er die Sache verſtand; mit welcher Beſcheidenheit und Rückhaltsloſigkeit vertraute er, was ihm fremd war, geſchickteren Händen— doch was war ihm fremd? er wußte Alles, er fand ſich in Alles.“
Die Verehrung und Liebe, mit der Georg Allen an dem ver⸗ ſtorbenen Lord gehangen hatte, und nun ſein Andenken heilig bewahrte, glich faſt einem Cultus. Wie der katholiſche Chriſt ſeinen Heiligen an allen wichtigen Ereigniſſen ſeines Lebens Theil nehmen läßt, ſo konnte die Seele dieſes jungen Mannes kein Feſt feiern, ohne daß Lord Vere dazu geladen war.
In ſeinen glänzendſten Träumereien, und gerade da am deutlich⸗ ſten, ſchaute er Lord Vere's ernſtes, ſeelenvolles Auge— in ſeinen


