Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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190 Auf der Düne.

verſtört, mein Herz zu voll zum Schreiben. Hier ſende ich Dir das Tagebuch, das ich auf Deinen Wunſch in der erſten Zeit meines Aufenthalts auf dem Nedur begann, und bis zu Ende fortgeführt habe. Du wirſt aus den kurzen Notizen den Gang der Ereigniſſe erſehen, wirſt die verzettelten Gedanken in Zuſammenhang zu bringen, und ſelbſt die Gedankenſtriche zu deuten wiſſen. Haben wir es doch, Gott ſei Dank, ſo weit gebracht, uns auch dann noch zu verſtehen, wenn wir ſchweigen. Wenn Du, wie Dein letzter Brief verheißt, zu mir kommſt, ſollſt Du Alles der Ordnung gemäß erfahren.

Da ſitze ich nun wieder in meinem trauten Zimmer. Meine Möbeln, meine Bücher ſehen mich an, als wollten ſie ſagen: wir haben lange auf Dich gewartet, Du unſtäter Geſell! Auf dem ſtillen Hofe der Kirche, unter der Linde vor meinem Fenſter, ſpielen die Nachbarskinder, das Abendroth flimmert um das alte Gemäuer, und luſtig zwitſchernd umkreiſen es meine Lieblinge, die Schwalben. Jetzt iſt es wieder ruhig in meiner Seele; ich bin für einmal wieder in den ſichern Hafen eingelaufen, und fühle es froh, daß die Sterne, zu denen ich vertrauensvoll aufſchaute, mich nicht betrogen haben. Ich habe viel erlebt, mein guter Franz, viel erlebt, das heißr: viel Freude gehabt und auch viel Leid. Das Eine iſt ja nicht ohne das Andere in dieſer lieben, bunten, wunderlichen Welt. Wir Menſchen haben ja nicht das beneidenswerthe Vorrecht der Sonnenuhren, nur die heitern Stunden zählen zu dürfen. Beneidenswerth? Nein. In dem Paradieſe konnten nur glückliche, aber keine hohen Menſchen wohnen, und jetzt, da der erſte herbe Schmerz ſich gelegt hat, ſpüre ich ſchon ſeine heilſamen Wirkungen; fühle ich, daß ich ein edlerer und beſſerer Menſch von meiner Irrfahrt heimgekehrt bin. Ich habe die Menſchen, meine Brüder, nie ſo ſehr geliebt, wie jetzt; jetzt, da mein alter Glaube im dreimal heiligen Feuer geprüft iſt, und ſich als echt bewährt hat, mein Glaube, daß nur die Liebe zur Idee, zur ganzen Menſchheit, zur Gottheit, wenn Du willſt, uns zu beſeligen vermag, wie der unſelig iſt, dem es an dieſer Liebe gebricht und die Liebe zum Individuum uns höchſtens glücklich, oder, wenn wir in ihr getäuſcht werden, unglücklich machen kann. Ueber Glück und

Unglück aber ſoll der Menſch, der Bürger im Reiche der Geiſter⸗

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