Auf der Düne. 175
bracht hatte, geziert, auch die ſtaubigen Flaſchen mit dem edlen Wein herbeigeſchafft. Die Herren nahmen Platz, und geriethen bald noch tiefer in jene Weinlaune, die ſchon in der letzten Stunde an der Tafel des Lootſencommandeurs bemerkbar geweſen war. Dieſe Laune hat, wie alle Laune, etwas Dämoniſches, Unberechenbares; denn der Wein lullt den helläugigen Wächter Verſtand in Schlaf, und ſperrt hinter ſeinem Rücken das Narrenhaus der Phantaſie und der Sinne auf. Da kommen ſie denn Alle heraus, die heitern und die traurigen, die liebenswürdigen und die mürriſchen, die witzigen und die albernen, die humoriſtiſchen und die langweiligen Narren; dann aber ſpringt unter die harmloſe Geſellſchaft wohl auch einmal ein Toller mit rol⸗ lenden Augen und fletſchenden Zähnen. Und ſeltſam, die Menſchen, welche im gewöhnlichen Leben die verſtändigſten und nüchternſten ſind, machen gerade in dieſer Stimmung die wunderlichſten Streiche; und Niemand iſt weiſer in der Trunkenheit, als der Dichter, denn er hat ſich gewöhnt in dem wildeſten Spiele ſeiner Phantaſie die Ruhe zu bewahren; er iſt der Ariel, deſſen Winken die übermüthigſten Geiſter willig folgen.— So war denn auch Paul, der Jüngſte der Anwe⸗ ſenden— Gerhardt war um ein Jahr älter, als er— der Beſon⸗ nenſte von Allen, und beobachtete mit Intereſſe, wie ſonderbar ſich zum Theil die Anderen gebehrdeten. Guſtav war ganz ſtill. Der Lootſencommandeur erzählte unaufhörlich Geſchichten, in derſelben eintönigen Weiſe, wie ſonſt, nur daß es ihm heute offenbar ganz gleichgültig war, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht. Paul ſetzte ſich zu ihm, und hatte ihn nicht ohne einige Mühe auf die berühmte Affaire mit den malayiſchen Seeräubern gebracht; aber der Unglücks⸗ ſtern, der über dieſer Geſchichte waltete, war noch nicht untergegangen, denn der Lootſencvmmandeur wurde abgerufen, da ein Schiff zu dieſer ſpäten Stunde bis nahe an den Nedur herangeſegelt war und die Laterne nach einem Lootſen ausgeſteckt hatte.„Ich komme gleich wieder, lieber Paul,“ ſagte er,„behalten Sie, wo ich ſtehen geblieben.“
Aber er kam nicht wieder.— Paul rückte einen Platz weiter, und
kam ſo neben Doctor Deus zu ſitzen, der ſogleich ſeine beiden Hände ergriff, und ihm ewige Freundſchaft gelobte. Doctor Deus ſuchte jetzt nicht länger hinter Spott und Witz ſein weiches, liebevolles und


