Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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176 Auf der Düne.

liebebedürftiges Herz zu verſtecken. Er geſtand Paul, wie die Häß⸗

lichkeit ſeiner Erſcheinung ihm dieſe Maske aufgenöthigt habe.Denn,

ſagte er,als ich ein Knabe war, fand ich, daß die Leute mich aus⸗

lachten, wenn ich häßlicher Kobold treu und ehrlich ſagte, wie mir's

um's Herz war, und wenn ich dann weinte, lachten ſie nur noch mehr. Nun haben ſie es ſo weit gebracht, daß ich für gewöhnlich lache,

wenn ſie weinen. Ich habe auf die Liebe verzichtet. Schönheit iſt

der Liebe Herold und Adelsbrief. Wir Häßlichen und Mißgeformten

ſind ihre Auswürflinge und Parias. Einen Burſchen, wie mich, hätte

eine ſpartaniſche Mutter vor lauter Liebe in den Schluchten des

Taygetos ausgeſetzt. Und doch iſt die Häßlichkeit auch wieder ein

Segen; ich würde die Schönheit nicht ſo von Herzen lieben, wenn

ich nicht ſo herzlich häßlich wäre. Da iſt der Gerhardt ich liebe

den Jungen mehr wie mich ſelbſt. Er iſt mir Freund und Bruder

und Sohn Alles in einer Geſtalt.

Paul blickte zu Gerhardt hinüber, der eben eifrig mit Herrn von Elze disputirte. Mann konnte nichts Schöneres ſehen, als ſein von Wein und Aufregung glühendes Antlitz, mit dem das blaſſe, kalte Geſicht des Andern einen merkwürdigen Gegenſatz bildete. Und der lauernde, unheimliche Zug, den Manche ſtets in Herrn von Elze's Geſicht fanden, war heute Abend ausgeprägter, wie je. Auch hatte er jenen Ton angenommen, in welchem er ſich gefiel, wenn er, wie viesmal, mehr wie gewöhnlich getrunken hatte, einen Ton, der manch⸗ mal nicht ohne Witz, immer aber herzlos und meiſtens verletzend war.

Die Moralität größer ohne Ehe! rief Gerhardt.Das gebe ich nimmermehr zu; und Sie behaupten es auch nur aus Luſt an Paradoxen. Wenn ihr Herren, die ihr die Ehe angreift, doch nur einmal etwas Anderes und Beſſeres vorſchlagen wolltet, das man an ihre Stelle ſetzen könnte! Gegen die Ehe ſchreiben oder de⸗ clamiren iſt ſo leicht, daß ſich ein geiſtreicher Mann gar nicht dazu hergeben ſollte.

Dem ſei, wie ihm wolle; ſagte Herr von Elze,aber das na⸗ türliche Gefühl, das überall zuerſt gehört werden muß, ſpricht ſich gegen die Ehe aus. Oder wie käme es ſonſt, daß ein Ehemann unter Junggeſellen ſtets wie eine Eule unter den Krähen iſt?