162 Auf der Düne.
Haltung und Bewegung, ja im Ton der Stimme. Das Alles läßt ſie wie Geſchwiſter erſcheinen; und deshalb liebe ich Paul; aber ich fürchte ihn nicht.“
„Was fürchteteſt Du auch!“
„Was ſtärker iſt, als ich. Das iſt Paul nicht. Ich habe nicht halb ſeinen Geiſt, aber doppelt und dreifach ſeine Kraft, dem Leben Trotz zu bieten. Die Raſtloſigkeit, die Sehnſucht in's Unendliche, die Beiden eigen ſind, und die Jeder nur noch in dem Andern nähren würde, müßten ihnen zur Qual werden, und ſie würden ſich in dieſem Fieber verzehren. Ich habe Muth und Ausdauer, und kann ſchon einmal einen tüchtigen Stoß des Schickſals ertragen, ohne daß meine Nerven in ein krankhaftes Zittern geriethen. Und einen ſolchen Mann muß Hedda haben, und nicht einen genialen Träumer, wie Paul einer iſt.— Schade, daß Clementine ſchon verheirathet iſt, ſie wäre die rechte Frau für ihn.“
„Ei ſeht mir doch dieſe großen Herren!“ ſchrie da der Doctor, „zu gut iſt nichts für ſie, und das Beſte ihnen gerade recht. Weil meine jungen Herren nicht gerade häßlich ſind, glauben ſie, ſie wären des Himmels herrliche Söhne, und hätten nur zu wählen unter der Erde ſchönſten Töchtern. Aber für uns, der Erde häßliche Kinder, lacht kein blaues Auge, rundet ſich kein roſiger Mund zum Kuſſe, hebt ſich kein weißer Buſen in Liebesſehnſucht! O Tod, was haben denn wir verbrochen, daß nur wir hungrig aufſtehen müſſen von dem reichen Mahle der Liebe!— Ja, ſie iſt ſchön mit ihrem hohen ſchlanken Wuchs, ihrem üppig blonden Haar, ihren blauen, ſchwer⸗ müthigen Augen! Für eines ſolchen Weibes Liebe zu leben, oder zu ſterben, das verlohnte ſich doch noch der Mühe, geboren zu werden!“
So kreiſchte der Doctor, und geſticulirte mit ſeinen langen
Armen, und wiegte ſeinen großen Kopf auf wunderliche Weiſel hin und her. Gerhardt kannte dieſe Ausbrüche von Leidenſchaft, mit denen der ſeltſame Mann die Rolle des kalten Spötters, die er im gewöhnlichen Leben zu ſpielen für gut fand, unterbrach, ſchon ſeit Jahren; aber er hatte ſo ganz nur für Hedda gelebt, daß er faſt verwundert fragte: „Iſt ſie denn wirklich ſo ſchön?“


