Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Auf der Düne. 161*

„Meine Wenigkeit. Sie heirathete mich morgen, wenn ich nur meinen großen Mund aufthun wollte.“

„Du könnteſt Recht haben,“ ſagte Gerhardt lachend,„aber Du wirſt von Deiner Macht nicht Gebrauch machen, und ſo bin ich vor Dir ſicher, aber ich fürchte Paul ebenſo wenig.“

„Hochmuth kommt vor dem Fall, lieber Hard.“

„Und Muth gewinnt, lieber Deus.“

„Weshalb verlangſt Du denn von Hedda keine Erklärung?“

„Weil ich ſie nicht drängen will, weil ich ihr zeigen will, daß mir Alles an der vollkommenen Freiheit ihrer Wahl liegt. Wie kann ich denn ſpäter auf den Schatz ihrer Liebe ſicher rechnen, wenn ſie mir vorwerfen kann: du haſt ſie geſtohlen? Was ich ganz mein eigen nennen ſoll, muß ich wie ein Mann erobert haben; und muß es wie ein Mann zu vertheidigen wiſſen, damit es ganz mein eigen bleibe.“

„Aber wie weiß ſie denn, daß Du ſie noch liebſt? Denn nach dem allerliebſten Arrangement, wonach Jeder thun und laſſen ſoll, was ihm beliebt, als ſei nichts zwiſchen Euch vorgefallen, ſcheint mir das doch nöthig.“

„Lieber Deus, das verſtehſt Du nicht. Hedda weiß jetzt ſo gewiß, daß ich ſie noch liebe, als hätte ich ihr von neuem es mit tauſend heil'gen Eiden geſchworen.“

„Wenn ſie nun aber doch Paul mehr liebte, wie Dich?“

„Das kann ſie nicht!“

„Weshalb nicht?“

„Weil der Menſch mit Leidenſchaft nur das lieben kann, was eine Ergänzung ſeines Weſens iſt. Denn die Liebe iſt nicht ein Luxus unfrer Natur, wie Manche glauben, ſondern der ſicherſte Be⸗ weis ihrer Bedürftigkeit. Paul aber hat alle Tugenden Hedda's und alle ihre Schwächen, und iſt ihres Weſens Spiegelbild, aber ergänzt ſie nicht.“

„Beurtheilſt Du Paul ſo?“

„Ganz gewiß. Sie ſind ſich ähnlich bis in die Einzelheiten der Manieren. Haſt Du nicht bemerkt, wie Beide auf dieſelbe Weiſe den Kopf ungeduldig in den Nacken werfen, wenn ſie nicht ſchnell genug

zu Worte kommen können? Sie gleichen ſich in der leichten, graziöſen Fr. Spielhagen's Werke. IW. 11