160 Auf der Düne.
gelegen, als der Lieutenant Gerhardt der Liebling Aller war, den kleinen Paul nicht ausgenommen, der von ſeinem großen Namens⸗ vetter nie etwas hatte wiſſen wollen, und jetzt jedesmal freundlich die Händchen ausſtreckte, ſobald er die blaue Uniform, die weiße Weſte, die goldenen Epauletten des Seeofficiers erblickte. Der große Paul erklärte ſich ganz offen für einen Bewunderer des Fremden, und be⸗ hauptete, daß gegen ſo viel Schönheit und Mannhaftigkeit kalt zu bleiben, jedem Menſchen ſchwer fallen müſſe, einem Stück Poeten aber, wie ihm, abſolut unmöglich ſei. Ob es eine Art von Dankbar⸗ keit für dieſe unverhohlene Bewunderung war, oder ob ſich Gerhardt wirklich von Paul's Weſen angezogen fühlte, ſo viel iſt gewiß, daß die Zuneigung ſehr bald eine gegenſeitige wurde; und ſo zwiſchen den beiden jungen Männern, die, nach gewöhnlichem Dafürhalten, alle Urſache hatten, ſich zu haſſen, eine Freundſchaft erwuchs, wie ſie ſo ſchnell und kräftig meiſtens nur in den Knabenjahren gedeiht. Denn daß ſie ſich als Nebenbuhler in der Liebe des liebenswürdigen Mädchens gegenüberſtanden, darüber herrſchte jetzt bei Keinem von ihnen der geringſte Zweifel mehr; aber weil ſie, als edle Naturen, Einer den Andern hochzuachten ſich nicht entbrechen konnten, war ihre Nebenbuhlerſchaft, obgleich unausgeſprochen, doch ehrlich und ohne Haß, und dauerte auch nur ſo lange, als Paul nicht zur Erkenntniß gekommen war, daß es an ihm ſei, zurückzutreten, wenn er nicht die Reſultate ſehr ernſten Nachdenkens Lügen ſtrafen wolle.— Hedda ihrerſeits zeigte fortwährend dieſelbe übermüthige, ja wilde Laune, dieſelbe ſieberhafte Erregung, die an jenem erſten Abend an ihr be⸗ merkt wurde, und die ſie auf ihrem einſamen Zimmer mit heißen Thränen büßen mußte.
„Weißt Du, Hard,“ ſagte Doctor Deus, als ſie am Abend des zweiten Tages nach dem Neptun zurückruderten,„wer jetzt am meiſten Ausſicht hat, die Hand Deiner unartigen Schönen zu gewinnen?“
„Ich natürlich.“
„Nein.“
„Paul?“
„Nein.“
„Nun wer denn?“


