154 Auf der Düne.
Verhältniß zwiſchen Gerhardt und Hedda ſo gut wie enträthſelt; und der Schlüſſel zu dieſem Räthſel war folgender Satz, der ſich ihm ſogleich mit mathematiſcher Gewißheit aufdrängte: Es iſt abſolut un⸗ möglich, zumal für ein Mädchen wie Hedda, auf welche die Schönheit einen ſo mächtigen Eindruck macht, einen Mann, der ſo wunderbar ſchön iſt, zu vergeſſen. Erinnerte ſie ſich ſeiner nicht mehr, ſo wollte ſie es nicht, das heißt: er liebt ſie, und ſie liebt ihn nicht; oder ſie liebt ihn, und er liebt ſie nicht— was Beides nicht wahrſcheinlich; oder ſie lieben ſich, und haben nur ihre Gründe, es geheim zu halten, was im Gegentheil ſehr wahrſcheinlich iſt. Und dann kannte er ſeine Voiſine zu gut, als daß ihm ihre Verlegenheit vorhin, ſo ſehr ſie ſich dieſelbe zu verbergen bemühte, hätte entgehen können; und dann er⸗ innerte er ſich ihrer Fragen nach dem Neptun, und dann dachte er daran, wie ſie zuſammenzuckte, als der Lootſe behauptete, das Schiff in Gefahr ſei der Neptun— und er ſprach bei ſich: es muß ſo ſein.
So trat er in den Saal, und ſetzte ſich an den Tiſch, wo ganz in alter Weiſe ihm neben Hedda ein Platz leer gelaſſen war. Von wie heftigen Gefühlen ſein Herz bewegt ſein mochte, ſeine Stirn war heiter, ſeine dunkelblauen Augen leuchteten, ein feines, halb ironiſches Lächeln ſpielte um ſeinen Mund: es war die Miene eines Forſchers, der eben den ſpringenden Punkt in einer verwickelten Unterſuchung gefunden hat, und den Triumph der vollſtändigen Löſung ſchon im voraus genießt. Denn Paul war einer von den Menſchen, die den Cultus des Geiſtes bis zum Fanatismus treiben, und zu einem Er⸗ eigniß, das ihnen das Herz zerſpalten wird, ſprechen: Störe mir nicht meine Kreiſe!— Nun liebte Paul gewiß ſeine Voiſine; aber deshalb vermochte er doch mit neidloſer Bewunderung der Schönheit des Mannes, in welchem ſein Scharfſinn ſo ſchnell ſeinen Nebenbuhler er⸗ kannt hatte, zu huldigen. Die Liebe hat keine gefährlichere Feindin, als die Poeſie, obgleich ſie ihren romantiſchen Schimmer nur von dieſer erhält; gerade ſo, wie der Mond ſein Licht nur von der Sonne entlehnt, und doch für uns verliſcht, wenn dieſe in ihrer Pracht am Himmel aufgeht. Und Paul's Seele trank die Schönheit, wie die durſtige Pflanze den Regen des Himmels; er berauſchte ſich in ihr; er fand in ihrem Genuß jene Extaſe, jene bacchantiſche Begeiſterung,


