Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Auf der Düne. 155

die Andere nur in den myſtiſchen Tiefen der Religion, oder in den fonnigſten Augenblicken der Liebe finden.„Wahrlich,“ ſprach er bei ſich, während ſeine Blicke an dem Fremden hingen:„es iſt keine Schmach für Hector, daß er dem Achill unterliegt: denn mit den Göttern ſoll ſich nicht meſſen irgend ein Menſch!“ Hier hat einmal die Natur die Rolle des Künſtlers übernommen, und was ſie ſonſt mit karger Hand unter Tauſende vertheilt, verſchwenderiſch auf den einen Liebling gehäuft. Welch ein Kopf! wie frei er auf dem ſchlan⸗ ken Halſe über den rundlichen Schultern ſchwebt! wie anmuthig die weichen braunen Locken ſeine herrliche Form umſpielen! Und wie edel, wie rein die Züge dieſes Antlitzes, das auch ohne Bart ſo kühn und männlich iſt! Wie trefflich der ſonnverbrannte, ſchwärzliche Teint zu den leuchtenden dunklen Augen ſtimmt!— Paul ſchaute umher, ob denn Niemand ſeine Bewunderung theile; aber nur Clementine lächelte ihm freundlich bejahend zu, als ſein Blick ſie fragte: iſt er nicht ſchön? Der Lootſencommandeur war, wie viele Menſchen, in Bezug auf Schönheit im Stande der Unſchuld: der ſchönere Menſch war ihm nie der beſſere Menſch, geſchweige denn der beſſere See⸗ mann; und der Marinelieutenant hatte in ſeinen Augen, außer ſeiner Tüchtigkeit als Seemann, höchſtens noch das Verdienſt, ein unermüd⸗ licher Zuhörer ſeiner endloſen Geſchichten zu ſein.— Was Hedda betrifft, ſo ſchien ſie nur Aug' und Ohr zu haben für ihren Nachbar rechts, den wunderlichen kleinen Doctor, und es iſt nicht zu leugnen, daß ihr Intereſſe unter allen andern Umſtänden vollſtändig gerecht⸗ fertigt geweſen wäre. Denn der Doctor verſchloß in ſeinem unförm⸗ lichen Kopf einen unerſchöpflichen Schatz des köſtlichſten Humors, und die Drolligkeit ſeiner Einfälle wurde nur durch den unerſchütterlichen Ernſt übertroffen, mit dem er ſie vorbrachte. Selbſt Clementine, ſo ſchwer ihr das Herz heute war, mußte einmal über das andere lächeln; Hedda aber, die in den erſten Minuten blaß und ſtill und verwirrt geweſen, hatte jetzt ihre keckſte Laune wieder gewonnen, und der fun⸗

kelnde Witz, mit dem ſie auf die Scherze des Doctors einging, ihn

herausforderte, und oft in die Enge trieb, überraſchte ſelbſt Paul, ſo ſehr ihn auch das geiſtreiche Mädchen gerade in dieſer Hinſicht ver⸗ wöhnt hatte. Dann ſuchte ſie auch ihn in das Geſpräch zu ziehen,