Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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Auf der Düne. 51

Fällen, wo ſie des Raths bedürftig war, augenſcheinlich am liebſten an ihn wandte; mit dem ſie, die Schweigſame, ſich ſtundenlang ganz

lebhaft unterhalten konnte, und der mit einem Worte Paul, deſſen

durchdringenden Blick die herzliche Theilnahme, die er für ſeine Couſine empfand, noch geſchärft hatte, für das Glück ihrer Ehe ſo gefährlich ſchien. Wie iſt es nur möglich! dachte er, und zugleich mußte er ſich ſagen: was iſt in dieſer Hinſicht nicht möglich? Wie oft ſehen wir, daß ſich ein ein liebes, holdes Mädchen von den äußern Vor⸗ zügen eines Wüſtlings, eines Schurken, eines elenden Geſellen be⸗ thören läßt; wie häufig, daß ein braver großherziger Mann in die Schlingen fällt, die ihm eine herzloſe Kokette legte, oder von dem hübſchen Mäskchen eines albernen Geſchöpfes bezaubert wird, das nicht würdig iſt, bei ſeinen Kindern Magd zu ſein, geſchweige denn die Mutter ſeiner Kinder!— Ein Scherz Hedda's hatte ihm eine Art von Erklärung zu dieſem Räthſel gegeben.„Wann kommt dein Mohr zurück?“ fragte dieſe an einem der erſten Tage, als Herr von Elze nach der Stadt geſegelt war, Clementinen.„Wer iſt der Mohr?“ fragte Paul.„Nun, Herr von Elze!“ ſagte das Mädchen, ohne von ihrer Stickerei aufzuſehen.„Und das iſt ein richtiger Mohr?“ fragte Paul verwundert.„Eine äußerſt geiſtreiche Frage!“ ſagte Hedda, ſich emporrichtend und ihre dunklen Locken zurückſchüttelnd.„Nein, fragen Sie nur Clementine, ob er nicht höchſt ariſtokratiſche, weiße Hände hat; und ich meinerſeits kann Sie verſichern, daß er ſich nicht wenig darauf einbildet. Ich nenne ihn aber Clementinens Othello, weil er aller Menſchen Städte geſehen und Sitten erkannt hat, oder doch erkannt haben will, und ſie ſeine Desdemona, weil ſie den Erzählun⸗ gen ſeiner Heldenthaten ſtets ein ſo aufmerkſames Ohr ſchenkt.“„Ich leugne gar nicht,“ fagte Clementine in ihrer ruhigen Weiſe,„daß ich die Erfahrungen, die ein gebildeter Mann in einem vielbewegten Leben geſammelt hat, viel höher ſchätze, als die Hirngeſpinnſte eines poetiſchen Träumers, und daß ich dem mündlichen Bericht eines Augen⸗ zeugen lieber Glauben ſchenke, als dem ſchriftlichen Jemandes, der die Sache nur von Hörenſagen hat.“„Aber es kann ja auch Jemand lügen, wie gedruckt!“ bemerkte Hedda.„Hedda nimmt es mit ihren Worten nicht immer genau; und verlangt, daß Andre es ebenſo wenig 46