Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

50 Auf der Düne.

ausſprechen hören; aber nie hatte er ein Wort von ihm vernommen, das ihm zu Herzen gegangen, nie einen Gedanken, der von einer wahrhaft edlen Geſinnung verklärt geweſen wäre.„Ich liebe die Leute nicht,“ ſagte Paul,„die über jeden Quark in Verzückung ge⸗ rathen; aber ich haſſe die Menſchen, die bei gewiſſen Dingen kalt bleiben können.“ Und der Lieutenant blieb immer kalt; für dieſen Mann ſchien die liebe Sonne am Himmel keine Wärme zu haben, ebenſo wenig wie die Sonne der Pvoeſie;„ein verſtimmter Dudel⸗ kaſten, ſagte Paul„ſtimmt mich poetiſcher, als des Mannes correctes Spiel; er ſpielt mit den Augen und den Händen, aber nicht mit dem Herzen.“ Nun war Paul nicht ſo ungerecht zu verlangen, daß aller Menſchen Glaubensbekenntniß ſei: ſchön iſt die Venus von Milo! und wenn ihm Jemand ſagte: es thut mir leid, ich verſtehe Beethoven nicht, und weiß nicht, was die Leute an Shakeſpeare ſo Großes finden können; ſo ließ er das gut ſein, und dachte: es muß auch ſolche Käuze geben; aber Herr von Elze wollte das Alles verſtehen; er hatte ſich über alle dieſe Dinge Phraſen zuſammengeleſen und zuſammen⸗ geſtoppelt, und wußte ſie ganz geſchickt anzubringen; und das konnte Paul nicht ertragen, denn dergleichen ſchien ihm eine Sünde gegen den heiligen Geiſt— wenigſtens gegen den heiligen Geiſt der Kunſt. Und wie es auf dieſem Gebiete war, ſo war es auf allen. Sie hatten über Politik geſprochen; über Schleswig⸗Holſtein, über das Jahr 1848, über Zeitereigniſſe, und ſolche, die ſchon ein Stück Geſchichte geworden waren. Paul konnte den ausgebreiteten hiſtoriſchen Kenntniſſen des Lieutenants ſeine Anerkennung nicht verſagen; und er war im Anfang über die freiſinnigen Anſichten deſſelben verwundert, und nahe daran geweſen, ihn für einen Demokraten und Republikaner zu halten; aber er war längſt von ſeinem Irrthum zurückgekommen, und hatte den verkappten Ariſtokraten vom allergewöhnlichſten Schlage ſehr wohl erkannt, und gefunden, daß die Declamationen des Herrn von Elze gegen Camarilla und Säbelherrſchaft aus der ſehr unlautern Quelle der verletzten Eitelkeit und eines um ſeine Hoffnungen betrogenen, höchſt weltlichen Ehrgeizes ſtammten.— So war der Mann, deſſen Freundin zu ſein, die kluge Clementine ſich zur Ehre anrechnete, der ſich ſo in ihr Vertrauen hineinzuſtehlen gewußt hatte, daß ſie ſich in