Teil eines Werkes 
4. Band (1866) Auf der Düne : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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46 Auf der Düne.

Mädchens Herz weniger weich und liebevoll geweſen wäre; aber ſie hatte nicht die Ausdauer, die Geduld und den Ernſt der jungen Frau, und nicht ihren ſcharfen Blick für all die größeren und kleineren Leiden, von denen die arme Menſchheit ohn' Unterlaß geplagt wird, und die zu lindern oder zu beſeitigen oft ſo leicht ſein würde, wenn die Lei⸗ denden nicht vielfach zur Klage zu ſtolz, und die, welche helfen können, nicht faſt durchgängig zu ſtumpfſinnig wären, um auch noch die ſtumme Klage verſtehen zu können. Und dabei beanſpruchte die junge Frau, die ſtets bereit war, Hand anzulegen, wo es nöthig war, nie, daß ſich auch nur ein Finger in ihrem Dienſte rege, und erröthete jedes Mal wie ein Schulmädchen, ſo oft ihr einer von den Herren eine iener kleinen Aufmerkſamkeiten erwies, die erweiſen nur nicht gegen die gute Sitte verſtoßen heißt. In dieſer Hinſicht keine Anſprüche zu machen, war wiederum eine ſchätzenswerthe Eigenſchaft für die Frau Guſtav's, der aus ſeiner Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Formen kein Hehl machte, und den man als Knaben nie in eine Tanzſtunde hatte bringen können. Er würde mit ſeiner Einfachheit einer an⸗ ſpruchsvolleren Frau eben ſo wenig genügt haben, als ihn wiederum eine glänzendere Erſcheinung, anſtatt anzuziehen, entſchieden zurück⸗ geſchreckt hätte, und ſo ſchienen ſie, wie geſagt, ſo für einander ge⸗ ſchaffen, daß man ſelbſt den Unterſchied der Jahre kaum bemerkte. „Wie haben Sie nur einen ſo alten Mann nehmen können, meine ſchöne Couſine?“ hatte Paul einmal in den erſten Tagen ſcherzend gefragt, und ſie ebenſo erwiedert:„Aus Eitelkeit!“„Aus Eitelkeit?“ „Ja, ich war unſäglich ſtolz darauf, einen Anbeter zu haben, der ſchon um die Schläfen herum kahl wurde, während meine Freun⸗ dinnen noch alle für Tanzſtundenbekanntſchaften ſchwärmten.“ Die Ehe war aber ſo zu Stande gekommen.— Die alte Dame, in deren Penſion Clementine und Hedda erzogen wurden, und die bei der erſteren, deren Eltern früh ſtarben, Mutterſtelle vertreten hatte und den ganzen Einfluß einer Mutter auf ſie beſaß, war Guſtav's Tante mütterlicherſeits— Paul und Guſtav waren durch ihre Väter ver⸗ wandt.— Es war von jeher der alten Dame innigſter Wunſch ge⸗ weſen, dieſe ihre Lieblingsſchülerin mit ihrem Neffen, an dem ſie mit großer Zärtlichkeit hing, zu verbinden. Böswillige Zungen hatten 1