32 Auf der Düne.
erkennen können, was auf dem tiefſten Grunde der Seele ſchlummert; daß wir zum Beiſpiel die Perſonen wirklich haſſen oder lieben, die uns im Traume haſſenswerth oder liebenswürdig vorkommen, obgleich ſie uns im wachen Leben gleichgültig zu ſein, vielleicht ſogar die ent⸗ gegengeſetzten Empfindungen in uns hervorzurufen ſcheinen.“
„Es iſt doch ſonderbar, daß uns der Traum nur immer die Bilder entfernter Perſonen zeigt.“
„Nicht immer; ich habe nur noch ganz kürzlich von Ihnen geträumt.“
„Sod und bitte, bitte! wie erſchien ich Ihnen da: haſſenswerth, liebenswürdig oder gleichgültig?“
„Aber, Voiſine, was ſoll ich Ihnen nur darauf antworten?“
„Die Wahrheit, und nichts wie die Wahrheit!“
„Nun denn, ich wüßte nicht, daß Ihr Bild einen beſondern Eindruck auf mich gemacht hätte.“
„Alſo gleichgültig?“
„Es iſt nicht anders.“
„Das finde ich aber verzweifelt ungalant, Voiſin.“
„Und wie würden Sie es finden, wenn ich wie der Heine'ſche Jüngling, vor Ihnen auf's Knie ſänke und ſpräche: Voiſine, ich liebe Sie!“
„Ich würde Sie auslachen.“
„Da ſehen Sie ſelbſt.“
„Wollen wir in unſerer Lectüre fortfahren?“
„Ganz wie Sie befehlen, Voiſine.“
Die Scene dieſer Unterhaltungen war meiſtens die„Laube“, Hedda's Lieblingsplätzchen, zu welchem ſie ihren Gaſt am zweiten Tage nicht ohne eine gewiſſe Feierlichkeit geführt hatte. Die Laube aber lag an dem äußerſten öſtlichen Ende der Inſel, da, wo die Tannen dicht an den Rand der Düne traten, die hier ihre größte Höhe von zwanzig und einigen Fuß erreichte, und an dieſer Stelle faſt ſenkrecht zum Meere abfiel. Es war ein auf drei Seiten von dem dichten Nadelholze vor dem Winde geſchütztes, auf der vierten nach dem Waſſer zu offenes Viereck, das mit einem Leinwanddach überſpannt, und mit einem Tiſchchen und mit Bänken ausgeſtattet


