2 Auf der Düne.
daß ich durch die Annahme von Guſtav's Einladung einen Pagen⸗ ſtreich begangen habe, und ſchließlich legſt Du mir ſo dringend an's Herz, wenn ich mein hieſiges Verhältniß nicht knall und fall abbrechen könne, über Alles, was ſich hier ereignen möchte, ein genaues Tage⸗ buch zu führen, daß ich es wahrſcheinlich nur meinem leichten Blut zu danken habe, wenn ich nicht am hellen Tage Geſpenſter ſehe. „Krähe, wunderliches Thier!“
Aber Dein guter Rath kommt zu ſpät! Deine Befürchtungen ſind eingetroffen! Das Unglück iſt geſchehen! Vernimm es und ſchaudre: ich liebe! und höre weiter und ſchaudre noch einmal: ich werde nicht wieder geliebt! und zum dritten Male ſchaudre, wenn ich Dir ſage, daß mir daran auch gar nichts gelegen iſt. Meine Ge⸗ liebte iſt ſo kalt, wie der Gott Spinoza's, aber bei weitem nicht ſo leidenſchaftslos. Sie iſt launiſch, wetterwendiſch und zeigt in jeder Stunde ein andres Geſicht: jetzt finſter⸗grollend, wie die erzürnte Juno, jetzt furchtbar⸗ſchrecklich, wie der Kopf der Meduſe, jetzt kind⸗ lich⸗heiter, wie die lächelnde Hebe. Stundenlang ſitze ich da, und ſchaue ihr in's Antlitz, und horche ihrer wunderbaren, geheimnißvollen Stimme. Und weil ſie ſo ſchön und herrlich iſt, liebe ich ſie; und deshalb, wo immer ich auch nur den weißen Saum ihres Gewandes flattern ſehe, werde ich vor ihr niederfallen und ſie anbeten; und nimmer will, nimmer kann ich ſie vergeſſen, wie der Schweizer die grüne Alpe nicht vergißt, von der ihm einſt die Melodie des Kuh⸗ reigens ertönte; und wie Niemand die See vergißt, der einmal ihrem Wogenſchlage gelauſcht hat— denn eben die See iſt ja meine Ge⸗ liebte.
Biſt Du noch eiferſüchtig? und biſt Du nicht neugierig, die Stolze kennen zu lernen? Kannſt Du Dich nicht auf ein paar Wochen losmachen von Deinen traurigen Acten? Ich verſpreche Dir, Du ſollſt, ſo lange Du hier biſt, Dich nicht einmal ſehnen, den Staub aufſteigen zu ſehen von Deinem ſandigen Heimatlande; und daß Du hier ſollſt empfangen werden, wie man den Gaſtfreund empfing in jenen alten Tagen, als es noch keine Hotels und keine Kellner gab, und doch ſchon Mancher die Rechnung ohne den Wirth machte— und daß Du ſollſt gehalten werden wie ein Kind vom Hauſe, wie


