Auf der Düne. 3
einer Stunde gegebenen menſchenfeindlichen Befehl ſchon ſeit neun
und fünfzig Minuten bereute, beging ich die Inconſequenz, die Thür zu öffnen, und meinen Vetter Guſtav, denn er war es, in mein Sanctuarium einzulaſſen. Du wirſt Dich Guſtav's von dem Winter⸗ halbjahr her, als er, um ein Examen zu machen, das ſo wunderlich war, ſich nicht machen laſſen zu wollen, in Berlin aufhielt, erinnern. Möglicherweiſe erinnerſt Du Dich ſeiner aber auch nicht; denn er iſt in keiner Hinſicht eine merkwürdige Erſcheinung. Er iſt einer von den Menſchen, mit denen man nicht ungern ſtunden⸗ ja tagelang bei⸗ ſammen iſt, und die man vollſtändig aus dem Gedächtniſſe verliert, ſobald man ihnen den Rücken wendet. Er gehört zu den Leuten, die uns lieb werden können, wie ein bequemer Hausrock. Man iſt nicht ſtolz auf den alten Flaus; man verleugnet ihn wohl gar, wenn die feine Geſellſchaft kommt, aber iſt die fort, vertauſcht man ihn doch gern wieder mit dem Galakleide. Ich war deshalb ſo erfreut, den treuen Menſchen wieder zu ſehen, als ob ich während der vierjährigen Trennung tagtäglich an ihn gedacht hätte, und ſchämte mich wahrlich meiner Gleichgültigkeit, wenn ich ſie mit der Theilnahme verglich, mit der er meinem Thun und Treiben Schritt vor Schritt bis hierher nach G. in meine Studirſtube gefolgt war, ſo daß ich ihm beinahe Nichts, er mir dagegen deſto mehr zu erzählen hatte. Ich wußte nicht einmal, daß er ſeit zwei Jahren verheirathet war! Weiter ver⸗ traute er mir, daß er alle Gedanken an eine glänzendere Carriere aufgegeben habe, da, wie er ſich naiv ausdrückte, ein Examen für einen Familienvater ein zu gewagtes Ding ſei, bei dem man das bischen häusliche Autorität noch vollends verlieren könnte; ſich über⸗ haupt dergleichen jugendliche Kraftäußerungen für einen Mann in ſeinem Alter nicht mehr recht ſchickten. Sodann, daß ſeine Frau ihm ein hübſches Vermögen zugebracht habe, und er mit ſeiner beſcheidenen Stellung als Baggerinſpector— ein Titel, der, wie er mir nicht ohne Stolz erzählte, eigens für ihn geſchaffen iſt— vollkommen zu⸗ frieden ſei.„So führe ich denn,“ ſprach er„ſtill und harmlos, wie Wilhelm Tell vor dem dritten Act, halb auf dem Waſſer und halb auf dem Lande lebend, ein amphibienartiges Daſein. Für dieſen
Sommer iſt meine Flottille an dem Eingang der engen Waſſerſtraße, 1*


