Dritter Band. 201
es noch nicht. Was ſoll ich hier? Da ich für die für die ich leben möchte, und da es in unſerer eng⸗ brüſtigen 2 jedem großen Zweck gebricht, an deſſen Erreichung ein Mann Leben ſetzen könnte, ſo will ich denn auch, ein anderer Peter Schlemihl, meinen eigenen Schatten ſuchen gehen. Ich fürchte nur, daß ich ihn niemals wieder finde, oder daß, wenn ich ihn finde, er ſich wieder von mir trennt, wie das letzte Mal.“
„Haben Sie die Spur der braunen Gräfin nicht verfolgt?“
„Nein. Es würde auch nichts geholfen haben. Wandernde Zi⸗ geuner hinterlaſſen keine Spuren, ſo wenig wie ein Schiff, das durch die Wogen ſtreicht. Wenn ich nicht wieder kommen ſollte, Melitta, laſſen Sie ſich Ihre Büſte, die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen ließ, und die jetzt in Cona in meinem Arbeitszimmer ſteht, geben. Oder wollen Sie ſie ſogleich haben?“
„Nein,“ ſagte Melitta;„behalten Sie ſie immerhin. Ihre unendliche Güte verdiente wohl einen beſſeren Lohn als kalten Marmor.
„Oder Marmorkälte?“ ſagte Oldenburg lächelnd.
„Die empfinde ich nicht gegen Sie, Oldenburg,“ ſagte Melitta mit Wärme;„wahrhaftig nicht. Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre älteren Bruder, der halb und halb Vaterſtelle an uns vertreten hat, und zu dem wir mit freudiger Verehrung und Dankbarkeit empor⸗ blicken. Es iſt unſer Schickſal, daß Sie mich mit einer anderen Liebe lieben müſſen, daß ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben kann.“
„Es iſt unſer Schickſal, Melitta, ja wohl! und nun laſſen Sie uns nicht weiter davon ſprechen. Gegen das Schickſal läßt ſich nichts thun. Wir können nur das Haupt bengen, und die Lorbeerkrone oder den Todesſtreich ſchweigend entgegen nehmen. Das habe ich in den letzten Tagen lernen können, wenn ich es ſonſt noch nicht gewußt hätte. Und nun, Melitta, da Du mich ſelbſt Deinen Bruder genannt haſt, laß mich auch wie ein Bruder mit Dir ſprechen. Darf ich?“
„Ja;“ ſagte Melitta, die den Kopf bei dieſen letzten Worten Oldenburg's geſenkt hatte, leiſe nach einer kleinen Pauſe.
„Bekämpfe Deine Liebe zu Oswald! Ich kann Dir nicht rathen, den Pfeil mit einem Ruck aus der Wunde zu ziehen, denn ich für


