Problematiſche Naturen.
Zweiundzwanzigſtes Capitel.
Es war drei Tage nach den Ereigniſſen dieſer Nacht.
In der Frühe des Morgens hatte es geregnet; jetzt i mittagsſtunden blickte die Sonne auf Augenblicke aus den ſchweren Wolken, die ſich lang und langſam vor einem feuchten Weſtwinde nach Oſten ihr entgegenwälzten.
Auf dem Kirchhofe zu Faſchwitz gingen in der Lindenallee, die von dem einen Ende bis zum andern führt, und die Gräber der Adeligen von denen der gewöhnlichen Sterblichen trennt, zwei Per⸗ ſonen in ernſten Geſprächen auf und ab. Vor der einen Thür des Kirchhofs, aus der man unmittelbar in die Landſtraße gelangt, hielt eine mit zwei Pferden beſpannte elegante Kutſche. Neben der Kutſche hin und her führte ein Reitknecht zwei ſchöne Pferde am Zügel. Kutſcher und Reitknecht unterhielten ſich nur im halblauten Ton, als ob ſie den alten Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart, der auf einem der Prellſteine an der Kirchhofsthür ſaß und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernſten Augen durch das Gitter der Thür auf die in dem Lindengange auf und ab Wandelnden wandte, in ſeinen Betrachtungen nicht ſtören wollten.
Die auf und ab Wandelnden waren Melitta und Oldenburg. Melitta war nicht in Trauer, aber ihr liebes ſchönes Geſicht hatte einen Ausdruck von Schwermuth, den man wohl früher nicht darin geſehen hatte. Selbſt das Lächeln, mit welchem ſie manche Bemer⸗ kung ihres Begleiters beantwortete, war nicht das alte, freudige— es war wie die Sonnenblicke heute aus den trüben melancholiſchen Wolken.
„Und Sie wollen wirklich fort?“ fragte ſie, eine Pauſe, die in
dem Geſpräche eingetreten war, unterbrechend.
„Ich ritt nach Berkow hinüber, Ihnen meinen Abſchiedsbeſuch zu machen, und Sie zu fragen, ob ſie noch irgend Befehle für mich hätten. Daß dies keine leere Form war, können Sie daraus ſehen, daß ich Ihnen, als ich Sie nicht fand, hierher auf den Kirchhof ge⸗ folgt bin, obgleich Kirchen und Kirchhöfe, wie Sie wiſſen, durchaus nicht zu den Oertern gehören, die ich mit Vorliebe aufſuche.“
„Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken?“
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