198 Problematiſche Naturen.
Doctor Braun hatte einige kurze Fragen gethan. Dann hatten Beide eine Zeit lang geſchwiegen. S „Sie müſſen ſich auf das Schlimmſte gefaßt mach 1 hub Doctor Braun an.„Es iſt, nach dem, was Sie mir geſa t haben, ſehr wahrſcheinlich, daß wir Bruno nicht mehr am Leben finden.“
Oswald antwortete nicht. Ein Stöhnen brach aus ſeiner Bruſt, wie eines Gefolterten, wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden.
Der Doctor hieb in die Pferde, die nun im Galopp weiter ſtürmten.
Ein paar Minuten ſpäter hielt der Wagen vor dem Portal. Das ganze Schloß ſchimmerte von Licht. Aus dem Speiſeſaale rauſchte die Muſik. Die Diener liefen geſchäftig ab und zu.
Als ſie in Bruno's Zimmer traten, erhob ſich der Baron von dem Bett, über das er gebeugt ſtand.
„Gott ſei Dank, daß Sie kommen!“ ſagte er; ich habe ſchon an vielen Krankenlagern gewacht; ſo lang aber iſt mir keine Stunde ge⸗ worden!“
Er trocknete ſich ſeine Stirn; ſein ernſtes Geſicht war bleich; er ſchien auf's Tiefſte ergriffen.
Doctor Braun unterſuchte den Kranken, vann blieb er neben dem Bett ſtehen, ohne die Andern anzublicken.
„Iſt keine Hoffnung?“
„Keine.“
Da richtete ſich Bruno halb auf:
„Biſt Du's Mutter? kommſt mich einzulullen? wie geht doch noch die alte Weiſe?“
Und in wunderbar ſüßen Tönen, leiſe, ganz leiſe, wie die Klänge einer Aeolsharfe, begann er ein ſchwediſches Lied zu ſingen, wie es ihm wohl ſeine Mutter vor langen Jahren geſungen haben mochte.
Er lehnte ſich wieder in das Kiſſen zurück. Durch die tiefe Stille im Zimmer tönte nur das Schluchzen Oswald's; auch die Augen der beiden andern Männer ſtanden voll Thränen.
„Biſt Du es, Oswald?“ fragte Bruno,„weshalb weinſt Du? guten Abend, Herr Doctor; wo kommen Sie hier her? es geht wohl


